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Der „Genderwahn“

Der „Genderwahn“

Über Gender-Studies, Genderismus, Gender Mainstreaming und Genderwahn. Von Kbr. MinR Mag.iur. Adi Leitner v. Adi (HEW).

Man kann kaum eine Zeitung aufschlagen, ohne mit einem LGBTTIQ (= Lesbian, Gay, Bisexual, Transsexual, Transgender, Intersex, Queer) – Gender- oder Diversity-Statement konfrontiert zu werden, mit Statistiken betreffend Gender-Pay-Gap und mit Interviews mit kinderlosen Psychologinnen, die uns erklären, dass wir unsere Kinder falsch, weil nicht antiautoritär, nicht antihomophob und zu wenig antiheteronormativ erzogen haben.

Weil ich wissen wollte, woher das ganze kommt, wie Menschen ticken, die ernsthaft behaupten, nicht nur das soziale Geschlecht (Gender), sondern auch das biologische Geschlecht sei ein gesellschaftliches Konstrukt (Judith Butler) und daher auch jederzeit frei verhandelbar, habe ich auf der Uni Wien Gender-Studies studiert.

Worum geht es bei Gender Studies?

Eigentlich sollte es ein Studium sein zum Erkennen und Erforschen des Verhältnisses, der Verhältnisse der Geschlechter untereinander. Tatsächlich geht es fast ausschließlich um Feminismus, um Geschlechterideen rund um LGBTTIQ und vor allem um Marxismus.

Und Genderismus, ein Kampfausdruck der Gegner der von oben verordneten und ausufernden Gehirnwäsche, verbunden mit Meinungsterror, auch und vor allem gegenüber Kindern, mit Denkverboten, Diffamierung Andersdenkender und schlussendlich verbunden mit Maßnahmen, die im Endeffekt auf die Zerstörung (neudeutsch: Dekonstruierung) der Familie hinauslaufen, ist ein Wegbereiter für den so herbeigesehnten realen Sozialismus.

Die bisherigen sozialistischen Revolutionen waren alle nur kurz- bis mittelfristig erfolgreich. Die Kommunisten ermordeten ein paar Millionen Kontrarevolutionäre, eigneten sich deren Vermögen an und fingen gleichzeitig an, das verbliebene Volk in ihrem Sinn umzuerziehen.  Aber kein international- oder national-sozialistisches Regime hat sich auf Dauer gehalten. Mittelfristig waren alle Terror- und Umerziehungsmaßnahmen umsonst. Immer wieder entstanden Millionen schwer kontrollierbare Widerstandszellen – nämlich Familien, in denen die Kinder den Eltern mehr geglaubt haben, als den gleichgeschalteten Lehrern und Komsomolführern (Anm. der Red.:  Komsomol war die Jugendorganisation der KPdSU /„Kommunistischer Jugendverband“). Das haben einige Kommunisten erkannt, wie z.B. Wilhelm Reich und seine Epigonen oder der Kommunenführer und Sexualverbrecher Otto Muehl. Aber ebenso auch Feministinnen um Judith Butler.

Erfolgreich wird sich der Marxismus erst dann halten können, so ihre logische Schlussfolgerung, wenn bereits im Vorfeld die „kleinbürgerliche Familie als Keimzelle aller Faschismen“ (Zitat Otto Muehl) dekonstruiert d.h. auf immer zerstört ist. Dazu ist es natürlich hilfreich, vorerst die evidenten Unterschiede zwischen Frau und Mann zu leugnen, damit niemand auf die Idee kommt, dass unterschiedliche Begabungen und Interessen einander fruchtbringend ergänzen können und somit Ziele zu zweit leichter erreicht werden können.

Am besten fängt man mit der Gehirnwäsche bereits im Kleinkindalter an. In „fortschrittlichen“ Wiener Kindergärten werden Buben gezwungen, sich als Prinzessinnen zu verkleiden, Mädchen werden die Puppen weggenommen. Volksschulkinder müssen sich mit LGBTTIQ- Themen auseinandersetzen. Das traditionelle Familienmodell wird als Ort der permanenten psychischen und physischen Gewalt und der Ausbeutung denunziert, in Gymnasien werden verfälschte Scheidungsziffern kolportiert, um zu suggerieren, die Familie wäre ein Auslaufmodell. In allen Universitätsstudien müssen irgendwelche Gender-Vorlesungen besucht werden, in denen die Gleichstellung der 256, 512 oder 1024 verschiedenen Geschlechter nur durch den Marxismus als erreichbar hingestellt wird.

In den Gender Studies (Verhältnis zwischen den Geschlechtern) schafft man es vier Semester lang, Worte wie Wertschätzung, Verständnis, Attraktivität, Unterstützung, Zuneigung oder horribile dictu das Wort Liebe zu vermeiden.

{{title|{{Adam and Eve}}}}1526{{Technique|oil|panel}}{{Size|cm|117|80}}Es werden von den Marxistinnen und Marxisten, die an vielen Schalthebeln der Macht, v.a. in den Massenmedien, sitzen, alle Register gezogen, um uns die Familie madig zu machen und eine Gesellschaft zu propagieren und zu formen, die endlich bereit ist für die Segnungen des realen Sozialismus. Und sie werden immer schriller, ja geradezu hysterisch (Siehe den Hype um Conchita Wurst).

Klar, dass man, wenn man auf eine bevorstehende umfassende proletarische Weltrevolution setzt, keine Zeit hat für „Kleinigkeiten“, wie echte Chancengleichheit der Geschlechter, die seit den Amsterdamer Verträgen von 1997/1999 als Gender-Mainstreaming ein erklärtes Ziel der Europäischen Union ist. Gender-Mainstreaming bedeutet nämlich, die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern bei allen Entscheidungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu berücksichtigen, um so die Gleichstellung der Geschlechter durchzusetzen und unterscheidet sich von expliziter Frauenpolitik dadurch, dass beide Geschlechter gleichermaßen einbezogen werden sollen. Ein Gebiet, wo wirklich noch viel zu tun ist.

Klar verurteilen möchte ich jedoch den Ausdruck Genderwahn, eine Bezeichnung, die Personen, die sich für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen, pauschal verunglimpft und durch diese perfide Wortwahl gleichsam pathologisiert, die Menschen mit anderer Meinung schlichtweg als wahnsinnig erklärt und somit jeden weiteren Diskurs verunmöglicht.

Die gleiche Strenge würde ich mir allerdings auch für die pathologisierenden Zuschreibungen homophob, transphob, islamo- oder sonst irgendwie –phob wünschen. Eine Phobie ist eine ärztlich zu behandelnde schwerwiegende Angststörung.

Wenn mir z.B. der ORF in sehr kurzen Abständen und immer wieder Homosexualität als intellektuelle Leistung verkaufen will und ich sage, dass mich diese Indoktrinierung stört, ist das nicht die Auswirkung einer Krankheit, sondern lediglich meine freie Meinung. Der Gebrauch von Worten, wie Genderwahn,  Xenophobie, Transphobie, Islamophobie oder Homophobie sind daher klar zu verurteilende Angriffe auf das Recht der freien Meinungsäußerung.

Die meisten Personen in meinem Bekanntenkreis bedienen sich einer besonnenen Rhetorik und auch die meisten Kartellbrüder unterstützen sinnvolle Maßnahmen zum Erreichen von echter Gleichstellung. (Das „Binnen-I“ gehört nicht zu diesen Maßnahmen, es verärgert nur, auch Wohlgesonnene. Und es ist nicht barrierefrei!). Und es gäbe vielleicht noch mehr Männer, die die Anliegen von Gender Mainstreaming unterstützten, wären die Zahlen, die man uns täglich vorhält, seriöser ausgewählt und seriöser interpretiert.

Ich kenne aber leider auch Personen, auch in unseren Reihen, die sinnvolle Maßnahmen nach wie vor boykottieren. Hier ist es unser aller Aufgabe, die letzten Dinosaurier umzustimmen und sie davon zu überzeugen, dass nur eine Gesellschaft, in der die Geschlechter einander mit Respekt und Wertschätzung begegnen – das inkludiert, allen gleichwertige Chancen zu ermöglichen – eine lebenswerte Gesellschaft ist.

Der Idiot bleibt männlich!

Der Idiot bleibt männlich!

Wie der Gender-Wahnsinn neue Blüten treibt. Von Klaus Fürst

Nachdem vor einem Jahr an der Leipziger Universität beschlossen wurde, in der Grundordnung nur noch die weibliche Bezeichnung zu führen und auch Männer mit „Herr Professorin“ anzureden, legt Berlin jetzt mit schwerem Geschütz nach. Lann Hornscheidt ist Professorin für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität. Nach ihrer Erfahrung fühlten sich Studierende häufig diskriminiert, wenn sie mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen würden. Das ist schon erstaunlich: sind Studierende so völlig andere Menschen? Mir ist jedenfalls in meinem immerhin sechs Jahrzehnte währenden Leben noch niemand begegnet, der sich wegen dieser Anrede diskriminiert fühlte. Aber man rückt sich halt die Wirklichkeit so zurecht, wie sie ins eigene Bild passt, um dann mit einem ganz tollen Vorschlag zu kommen.

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Statt männlicher und weiblicher sollte eine geschlechtsneutrale Form durch Anhängen des Buchstaben x gebildet werden: Studentx, Mitarbeiterx usw. Sie selbst praktiziert es bereits und lässt sich statt „Frau Professorin“ mit „Professx“ (sprich: Professix) anreden. Das x soll auch gleichzeitig den Artikel bilden; der Satz „Der Lehrer unterrichtete die Schüler“ hieße dann also „X Lehrerx unterrichtete x Schülerxs“. Da bekommt doch die alte Floskel „Ein Satz mit X“ eine ganz neue Dimension!

Alexander Kissler betrachtet die Lage aus dem Futur2, dass nämlich die Geschichtsschreibung resümieren wird, „noch weit vor der Mitte des 21. Jahrhunderts hätten Bundesrat und Bundestag vor der Welle des Gelächters kapituliert, das vom Rest der Welt über Deutschland hereinbrach.“ Ihm schwant jedoch, dass es auch anders kommen kann:

Spätestens aber, wenn die globale Rezession ihr Haupt erhebt und die Armen der Erde auch in Deutschland stranden werden, wird sich diese Operation am offenen Herzen der Vernunft als das entpuppen, was sie heute schon ist: eine Luxusbeschäftigung für verwöhnte, anderweitig unausgelastete Akademiker.

Dafür spricht, dass sich die verschiedenen Wellen der Frauenbewegung immer in wirtschaftlichen Glanzzeiten abspielten: in der Belle Époque, den Goldenen Zwanzigern und im Überfluss der siebziger Jahre. Im Unterschied zu heute ging es aber damals um wirkliche Emanzipationsbestrebungen und nicht um institutionalisierte Selbstdarstellung.

Nun könnte man all das als akademische Spinnerei abtun, wenn uns nicht die Entwicklung des Gender-Dogmatismus in den letzten Jahren klar gemacht hätte, dass man es nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. So wie die Verwendung der /innen-Form in der öffentlichen Sprache ein unerträgliches Ausmaß erreicht hat, könnten auch die Vorschläge von Professx Hornscheidt Wirklichkeit werden, wenn sie nur mit dem nötigen Fanatismus betrieben werden. Eine vernünftige Debatte ist nicht möglich, und gegen die herkömmlichen Argumente, dass das generische Maskulinum eine kulturelle Tradition ist, haben die Gender-Wissenschaftler (mithilfe nicht unerheblicher Steuergelder) längst Abwehrtheorien entwickelt.

Ihnen geht es längst nicht mehr um Gleichberechtigung, es geht um Verteidigung von Pfründen. Man hat sich eingerichtet in den Gender-Maistreaming-Projekten, die der Steuerzahler mit Unsummen alimentiert und deren Zahl niemand wirklich anzugeben weiß. Dort zu bestehen, erfordert sich zu produzieren – und das gelingt am besten, wenn man mit extremen Positionen aufwartet. Deshalb wird nichts Geringeres gefordert als die Aufhebung der Geschlechter, die endgültige Denaturierung des Menschen, letztendlich: alles zu beseitigen, was das Gesellschaftsmitglied als ein biologisches Wesen auszeichnet.

Frauen, Radfahrerinnen, Emanzipation, Binnen-I, Gleichberechtigung, Verkehr, Verkehrszeichen, Einbahn Foto: Clemens FabryWarum gibt es keinen Aufschrei, keinen breiten Widerstand gegen diesen Irrsinn? Schauen wir uns die Protagonisten einer möglichen Gegenbewegung im Einzelnen an. Da wären zunächst die Politiker. Von ihnen können wir wenig erwarten; sie sind fürchterlich heuchlerisch bei der Verwendung gendergerechter Terminologie, vor allem wenn es darum geht, sozial Benachteiligte anzusprechen. Besonders Gregor Gysi, der seine brillante Rhetorik in peinlicher Weise damit verhunzt, macht regelmäßig feine Unterschiede: Er benennt sehr gern die Arbeitnehmerinnen, Rentnerinnen, Hartz IV-Empfängerinnen, Leiharbeiterinnen. Nie hört man ihn jedoch von Bankerinnen, Millionärinnen, Spekulantinnen oder Lobbyistinnen reden – da bleibt er stets im Maskulinum. So inkonsequent verhalten sich letztlich alle Gender-Aktivisten: der Idiot bleibt männlich.

Als zweiten Machtfaktor hätten wir die Wirtschaft. Aber warum sollte die sich in eine Gegenbewegung einbringen und ihren Einfluss auf die Meinungsbildung geltend machen? Schließlich lassen sich Frauen, die all ihrer natürlichen Rollen enthoben sind, viel besser in den Prozess der Wertschöpfung integrieren. Endlich wäre Schluss mit der ewigen Diskussion um Gleichstellung, Quoten, Familienfreundlichkeit.

Die Dritten in einem potentiellen Lager der Vernunft wären die im öffentlichen Leben stehenden Vertreter unterschiedlichster Körperschaften. Doch, wie die Erfahrung zeigt, lassen sie sich viel zu leicht in die Defensive drängen. Beispiele dafür gibt es genug. So hält es die Stadt Osnabrück für nötig, auf ihrer Website Folgendes zu erklären:

Warum ist die Anrede im städtischen Auftritt männlich?

Die Stadt Osnabrück begrüßt und fördert die Gleichstellung beider Geschlechter. Aus langer sprachlicher Tradition hat sich allerdings in der deutschen Sprache die männliche Anrede herauskristallisiert. Um den Lesefluss nicht zu erschweren, hat sich die Online-Redaktion der Stadt entschlossen, die in den Medien übliche Anrede zu verwenden. So werden Sie in der Regel keinen Text finden wie „Die BesucherInnen aus Osnabrücks Partnerstadt…“ oder „Die Besucher/-innen aus Osnabrücks Partnerstadt…“. Stattdessen schreiben wir meist wie folgt: „Die Besucher aus Osnabrücks Partnerstadt…“. Diese Redeweise stellt keine Diskriminierung dar.

Immerhin ist das eine vernünftige Position, aber es macht doch deutlich, wohin wir schon gekommen sind: dass zumindest die im öffentlichen Leben stehenden Personen sich rechtfertigen müssen für ein Stück Normalität. Kein Politiker könnte sich erlauben, die geschlechterkorrekte Sprache als Unsinn zu bezeichnen, nicht etwa, weil er damit Stimmen verlieren würde, nein, er hätte ja eine riesige Mehrheit hinter sich; es ist die pure Angst vor dem Stress, sich mit den Fanatikern auseinanderzusetzen.

Im Falle Leipzig war es ähnlich. Der Vorschlag, ausschließlich die weibliche Form zu benutzen, kam laut Spiegel online von Prof. Josef Käs. Als Mitglied des Senats der Universität war er die zeitraubende Debatte zu diesem Thema einfach leid, so dass er die Flucht nach vorn antrat. Hier drängt sich das Sprichwort auf von dem Klügeren, der nachgibt. Und auch die moderne Erweiterung: deshalb regieren die Dummen.

Ein weiteres Beispiel: die wikmedia foundation zeigt sich besorgt, dass nur 12 % der Wikipedia-Mitarbeiter weiblich sind. Und fühlt sich gezwungen, daran etwas zu ändern, weil es deswegen permanent Attacken gibt. Wie von dem Berliner Sprachwissenschaftler Prof. Anatol Stefanowitsch, der bei Wikipedia ein Frauenproblem erkennt. Nach tiefschürfenden Betrachtungen kommt er zu folgendem bemerkenswerten Ergebnis.

Dass die Wikipedia gar kein Frauenproblem hat, sondern ein Männerproblem (nämlich: dass unter den männlichen Editoren zu viele sind, die ein Problem mit Frauen oder wenigstens kein Problem mit einer Abwesenheit von Frauen haben).

Warum antwortet wikimedia foundation nicht einfach: Es gibt überhaupt kein Problem. Da jeder Mensch, unabhängig von seinem Geschlecht, die gleichen Möglichkeiten hat, sich bei Wikipedia zu betätigen, wird es wohl daran liegen, dass der Wunsch danach bei Frauen weniger ausgeprägt ist, so wie es eben auch weniger weibliche Jäger, Feuerwehrleute oder Schachspieler gibt. Aber mit solchen einfachen Antworten fordert man ja die Dogmatiker geradezu heraus, ihr theoretisches Füllhorn über einen zu ergießen. Also zeigt man lieber Einsicht und suggeriert Bereitschaft zur Abhilfe.

Fazit: Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Institutionen winken ab, wenn es um Widerstand gegen Gender-Totalitarismus geht. Bleibt wieder einmal die letzte Hoffnung auf die Zivilgesellschaft gerichtet. Auf jeden Einzelnen, der die Wahl hat, diesen Irrsinn mitzumachen oder sich ihm zu verweigern. Die den Mut haben zu sagen, dass die vom Gender-Mainstreaming entworfenen Gesellschaftsbilder irreal sind, dass es nicht Dekadenzerscheinungen wie „Germany’s next Topmodel“ sind, die diese Gesellschaft ausmachen, sondern Frauen und Männer, die ihren täglichen kleinen Kampf um Job und Familie ausfechten und am Ende stolz sind, wenn sie ihn wenigstens ein Stück weit bestanden haben. Den wahren Mainstream eben – Menschen, die gern sind, was sie sind: Frau oder Mann.

Wenn man Sie bedrängt, weil Sie als Autor oder Redner auf dem generischen Maskulinum bestehen, dann antworten Sie doch wie Dagmar Lorenz, die schon 1991 schrieb:

Die engagiertesten Vertreterinnen der traditionellen Frauenbewegung wandten sich einst gegen die Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft, indem sie die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen an sämtlichen Bereichen der überlieferten Kultur und Zivilisation forderten. Gleiche Bildungschancen, die Koedukation von Jungen und Mädchen, die gleichberechtigte Berufsausübung zusammen mit männlichen Kollegen – all dies sind längst selbstverständliche Bestandteile unserer gesellschaftlichen Realität. Die noch bis in unser Jahrhundert übliche Trennung der Geschlechter in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ging stets einher mit einer formalen und faktischen Benachteiligung der Frau. Der Befürwortung einer sprachlichen Apartheidregelung, einer sprachlichen Trennung der Geschlechter, haftet demnach etwas Anachronistisches an. Sie taugt nicht für unsere Zeit. „Sie ist unser bester Ingenieur“ – mit diesen Worten charakterisierte neulich ein mir bekannter Techniker seine Arbeitskollegin. Solche Anerkennung lässt nichts zu wünschen übrig!

Der Berliner Kurier meint: „Sprache kennt keine Fesseln. Jeder kann sie benutzen wie er möchte, solange man ihn nur versteht.“ Dem kann man sich durchaus anschließen, solange er/sie nicht verlangt, dass andere ebenso sprechen. Und das gilt für Jedex!

Sprachpolizei

Sprachpolizei

Von AH Peter Wagner v. Diogenes.

Sicher erinnern sich einige der an Jahren schon etwas älteren Leserinnen und Leser an den 1994 verstorbenen Karl Hirschbold (geboren übrigens im Gründungsjahr unserer Ostaricia), der im Österreichischen Rundfunk – zunächst bei der RAVAG* und danach auch noch beim ORF – die Sendung „Achtung Sprachpolizei“ präsentierte. In nahezu 500 Sendungen nahm er viele kleine Ausrutscher und grobe Schnitzer verschiedener Herkunft humorvoll „auf die Schaufel“ und versuchte so, seine Hörer für die deutsche Sprache sowie für die richtige Grammatik und Ausdrucksweise zu sensibilisieren. Wie wir heute wissen, hat das vor allem unter professionellen Schreibern und Verfassern von diversen Texten ebenso keinerlei nachhaltige Wirkung gezeigt, wie bei allen Arten von Rednern.

Mit Sicherheit bin ich kein ausgewiesener Experte für fehlerfreies Formulieren, doch fielen und fallen mir immer wieder sprachliche Entgleisungen auf, die seinerzeit in einem Schulaufsatz zumeist mit der gnadenlosen roten Wellenlinie versehen, wenn nicht als schwerwiegender Fehler deklariert worden wären. Ob das heute auch noch so gehandhabt würde? Na, lassen wir das, ein gewisses Maß an Liberalisierung im Bereich Sprache sei nachgesehen. Doch wenn es zu arg wird, beginnen sich bei mir die Nackenhaare aufzustellen.

Sozusagen „on the job“ bemühe ich mich beim Verfassen von Beiträgen für den Altherrenbrief seit nunmehr fast zwei Jahren möglichst fehlerfrei zu bleiben. Da helfen wir uns in der Redaktion mit einer Art „Kreuz-und-Quer-Korrekturlesen“, dennoch taucht doch immer wieder ein überlesener Flüchtigkeitsfehler auf, wofür ich an dieser Stelle alle Leser um Nachsicht ersuche.

Da fiel mir doch vor einiger Zeit ein Kommentar auf, in dem sich Prof.  Dr. Antal Festetics mit sprachlichen Irrungen und Wirrungen moderner Art befasst. Diesen Beitrag will ich ungekürzt hier wiedergeben, muss aber dazu anmerken, dass ich nicht unbedingt alle seiner Ansichten teile, jedoch zum überwiegenden Teil seiner Meinung bin. Bitte, fasst das als möglichen Anlass auf, ein bisschen über die Logik im Formulieren nachzudenken und ein Niveau der Sprache zu halten oder zu erreichen, das uns als kultiviert darstellt.

Passt übrigens auch ganz gut zum Thema „Bildung“, mit deren Reförmchen sich unsere Bundesregierung ja zuletzt kein Denkmal gesetzt hat, was nebenbei bemerkt sein darf. Zurück zum Festetics-Text: Denn wer seiner Muttersprache nicht mächtig ist, wer nicht klar, eindeutig und unmissverständlich sowohl schriftlich als auch mündlich zu formulieren imstande ist, dem fehlt ein großes Stück an Bildung. An dieser Stelle seien die Sprachdefizite von Menschen mit Migrationshintergrund ausgeklammert, doch auch bei diesen wäre anzusetzen, um ein Mindestmaß an klarerer Ausdrucksweise zu erreichen. Leider fehlt es heute in der Gesellschaft an allen Ecken und Enden und die Jugend gleitet leider allzu oft in künstliche Sprachgebilde ab, die für die allgemeine Kommunikation unbrauchbar sind.

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Hier also nun der Text von Prof. Festetics:

Sprechen oder quatschen?

Verkehrsnachrichten: Vorsicht! Auf der Autobahnstrecke Hannover – Burgdorf liegen „Gegenstände“. Das regt meine Fantasie an: Sind es Kugelschreiber oder Küchenschränke? Etwas später: Auf der Autobahn laufen „Tiere“ herum. Das weckt meine Neugier: Krötenzüge oder eine Kuhherde? Sie sollen mir offenbar eine Überraschung bereiten. Dann wird es echt komisch: Vor Lüneburg ist ein Lastwagen „liegen“ geblieben. Dachte bisher, das können nur Zwei- und Vierbeiner. Ein Auto ist stehen- oder notfalls steckengeblieben, sagten wir früher. Es folgen im Radio politische Nachrichten über „ergebnisoffene“ Verhandlungen der Koalitionspartner. Ja was denn! Nicht ergebnisoffen hieße doch nur Scheinverhandlungen zu führen, oder? Danach die Pressekonferenz mit „internationalen“ Journalisten, zu Deutsch mit „zwischenvölkischen“ Reportern! Bisher waren es ausländische (englische, italienische, französische etc.) Medienleute. Aber ausländische klingt heute so obskur. Mir fällt dazu Peter Wehles köstliches Wörterbuch „Sprechen Sie ausländisch?“ ein.

Staatsmannschaft

Ein Wort zum Sport: Unsere „National“-Mannschaften sind das Gegenteil von national. Sie erinnern an die Fremdenlegion. Der Staat kauft sich Fußballer und Trainer aus verschiedensten Ländern wie Rennpferde oder Rennwagen. Da wäre Staatsmannschaft die bessere Bezeichnung.

Die wohl seltsamste Blüte eines vorauseilenden Gehorsams im Sprachamerikanismus unserer Zeit ist fürs Mobiltelefon das neudeutsche Wort „Handy“. Es ist im „nichtdeutschen“ Ausland unbekannt, soll aber offenbar so klingen, als ob wir es von dort übernommen hätten.

Sprachgeblödel

Im Gegensatz zu diesem Neo-Quatsch hat euphemistische Verklärung bereits Tradition.

Der mit Atomraketen schwer beladene Kampfjet über einer „Problemzone“ erfüllt ein „robustes“ Mandat und wer bei uns Kormorane abknallen will, stellt einen Antrag an die Landesregierung auf „letale Vergrämung“ dieser Vögel. Das Gegenteil von „Bio“-Bauer wäre sprachlogisch der tote Bauer und von „Bio“-Kartoffel die tote Kartoffel. Der Quatsch von „Öko“-Benzin bis „Öko“-Sarg ist ein weiteres Beispiel für neuzeitliche Begriffsverfälschung. In Österreich sagt man Bundesminister „für“ Finanzen, in Deutschland korrekterweise „der“ Finanzen wie dieser zu Kaisers Zeiten auch in Österreich so hieß. Komisch klingt schließlich der Professor „für“ Haut- und Geschlechtskrankheiten, denn er sollte ja eigentlich dagegen sein.

Oder die Schweizer Bundesanstalt „für“ Schnee und Lawinen. Für Schnee freut sich der Wintertourismus, aber für Lawinen? Begriffsanwendungen sollten einigermaßen durchdacht sein, auch und gerade in einer Zeit, in der alles „stressig“ oder „spaßig“ zu sein hat, soll heißen, zum oberflächlichen Sprachgeblödel verkommt.

* Die RAVAG (Radio Verkehrs AG) war die erste österreichische Rundfunkgesellschaft. Sie wurde im Februar 1924 gegründet, nahm im Oktober 1924 mit Radio Wien den offiziellen Sendebetrieb auf und bestand bis zur Gründung des ORF im Jahr 1958.

Vom Formulieren und Verstehen

Vom Formulieren und Verstehen

Von Anglizismen und anderen Ausprägungen der Sprachvergewaltigung. Von Bbr. Robert Schmelzinger v. Marcus.

Ich will es vom Start weg gar nicht leugnen, meetings (wieso darf hier eigentlich nicht das Wort „Treffen“ verwendet werden?) müssen schon locker-flockig formuliert sein, damit sie beim jeweiligen Adressaten entsprechend aufmerksam registriert werden. Daher braucht es offenbar ein wenig mehr als eine simple Einladung, oder eine Ankündigung, die nüchtern sachlich gehalten darüber Auskunft gibt, worum es schlussendlich gehen soll. Doch womit zu jener Veranstaltung, die im Folgenden beschrieben wird, gelockt wurde, stellt vermutlich vieles, was bisher an Anglizismen und sonstiger pseudo-intellektueller Formulierungs-Ansammlungen bekannt war, in den Schatten.
Da wurde zum „get together“ mit der „new generation sales“ bei einem „meet & greet“ eingeladen.

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Bei der Gelegenheit, so wurde in diesem „sheet“ weiter geworben, gäbe es für die eingeladenen „high-potentials“ die wohl einzigartige Chance, mit dem neuen „CEO“(„ chief executive officer“) „zeitnahe“ „face to face“ über die „angedachten“ „strategic plannings“ diskutieren zu können, um damit den „organization’s process“ kennen zu lernen und besser verstehen zu können.
(Eine eingefügte Betrachtung zu der verwendeten Formulierung „angedacht“: Sie gibt uns ein Beispiel dafür, wie diese Formulierung, in jenem Zusammenhang, in dem sie verwendet wird, nicht funktioniert. Andenken kann gleichgesetzt werden mit der Wortbedeutung Souvenir oder aber wir können jemanden in Erinnerung, im Gedächtnis behalten, oder etwa jemandem ein liebevolles Andenken bewahren. Bei anderen Dingen, wie strategischen Überlegungen, ist es daher deplatziert. Wir können über etwas nachdenken, darüber unsere Überlegungen anstellen und anschließend das Ergebnis bekannt geben, verlautbaren, zur Kenntnis bringen und dergleichen, aber nicht, wie es in diesem Zusammenhang mittlerweile leider sehr häufig formuliert wird, „hinaus kommunizieren“. Zum Kommunizieren braucht es immer noch das Miteinander, so können beispielsweise zwei Gesprächspartner miteinander kommunizieren und bei der Gelegenheit über etwas oder zu einer bestimmten Angelegenheit ihre Eindrücke, Gedanken, Meinungen und Empfindungen austauschen. Es funktioniert allerdings nicht im Sinne einer firmeninternen Einwegs-Informations-Strategie, bei welcher der damit verfolgte Zweck einzig und allein darin besteht, in der mildesten Form, etwas bekannt zu geben, von der Intention her in den meisten Fällen allerdings die Absicht verfolgt wird, etwas Bestimmtes anzuordnen!)

Es wurde auch nicht verabsäumt, darauf hinzuweisen, dass der „support“ beim „reception counter“ durch die jungen „members“ des ortsansässigen „call-center-service“ übernommen werden wird, wobei man sich mit gleichem Schreiben vorab artig für deren Dienste bedankte. Gleichzeitig wurde unmissverständlich darauf hingewiesen, dass man sich von dem Angebot, das mit dem ausgewählten „pro center“ als perfektes „surrounding“ zur Verfügung stehe, einen entsprechenden „out-put“ erwarte, da man im Vorfeld durch intensive Zusammenarbeit der technischen Abteilungen mit den „korrespondierenden“ „IT“-Einheiten, bei den bereits „ausgerollten tools“ ein „upgegradetes design“ für „zukunftsgesicherte updates“ seitens der Unternehmensführung installiert haben will.

Auf gut Deutsch: Es treffen sich junge Verkaufstalente, um die Pläne ihres Unternehmens kennen zu lernen und am Abend in gemütlicher Atmosphäre mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden darüber diskutieren zu können.

Ist zwar nicht der „burner“, kommt aber irgendwie verständlicher rüber.

Res Publica – Res Populi

Res Publica – Res Populi

Unbestritten ist zweifellos, dass wir in Österreich in einer Republik zu Hause sind. Ehrlich: Wer hat sich schon einmal gedanklich tiefschürfend mit dem Begriff „Republik“ auseinandergesetzt? Wäre es nicht wert, sich darüber zu informieren, intensiv nachzudenken und vielleicht damit unsere verfassungsmäßig verankerte Staatsform in ihrem Wesen besser verstehen und damit schätzen zu lernen?

Wir Österreicher sehen den Begriff „Republik“ automatisch in ihrer demokratischen Form. Das ist richtig und auch gut so, doch beinhaltet und garantiert unsere Verfassung insgesamt die demokratische, republikanische, bundesstaatliche und rechtsstaatliche Grundlage unseres Staates. Diese wesentlichen Eckpfeiler sind auch verfassungsmäßig geschützt und somit weitestgehend abgesichert.

Der Begriff Republik darf jedoch per definitionem nicht nur in der streng staatlichen Form gesehen werden. Eine kurz gefasste, allgemein gültige Erklärung lautet: „Republik ist eine Rechtsgemeinschaft von Freien und Gleichen zum Ziele des Gemeinwohls“. Marcus Tullius Cicero drückt es, wenn er „res publica“ und „res populi“ erklärt, etwas ausführlicher aus: „Es ist also das Gemeinwesen die Sache des Volkes, Volk ist aber nicht jede Vereinigung von Menschen, die auf irgendeine Weise zusammengewürfelt wurde, sondern die Vereinigung einer Menge, die sich aufgrund einer Übereinstimmung bezüglich des Rechts und einer Gemeinsamkeit bezüglich des Nutzens verbunden hat.“

 

Diese Ausgabe des Ostaricenbriefes hat nicht vor, weitere Versuche einer Definition für „Republik“ zu bringen, es wird jedoch wesentlich darauf hingewiesen, dass etymologisch der Begriff auf „res publica“ zurückzuführen ist. Also eine Sache, die uns alle, das Volk, die Gemeinschaft betrifft. Sei es nun in großem Maßstab für 1,4 Milliarden Chinesen (für die allerdings Begriffe wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit echte Fremdworte sind) oder beispielsweise für die kleinste Gemeinde Österreichs, Gramais im Lechtal mit seinen nicht einmal mehr als 50 Einwohnern (domus pusilla res publica est = ein Staat im Kleinen).

Ja und da wäre dann auch noch unsere Verbindung! Bei genauer Betrachtung erfüllen wir alles, was die Begriffsdefinition „Republik“ beinhaltet. Wir fügen sogar noch etwas dazu, nämlich die Bundesbrüderlichkeit. Das – oder zumindest der Begriff Freundschaft – ist etwas, was in keiner ärarischen Erklärung der „Republik“ vorkommt und uns maßgeblich aus der hochlöblichen Gemeinschaft aller zivilisierten und rechtsstaatlich organisierten Gemeinschaftsformen abhebt.

Wir wollten die bevorstehende Bundespräsidentenwahl zum Anlass nehmen, fünf der Kandidaten zu Wort kommen zu lassen, womit sie ihre Ansichten, Meinungen, Gedanken und Visionen zu „res publica“ und „res populi“ ausformulieren können. Leider haben die Herren Hundstorfer und Van der Bellen auf unsere Anfragen nicht geantwortet, Griss schlug uns nur den Text ihrer Website als Artikel vor. Dennoch mögen viele unserer Leser aus diesem Spektrum an Beiträgen Anregungen für ganz persönliche Gedanken entnehmen und diese in das Leben und die Mitarbeit in jede ihrer „Republiken des Alltags“ mitnehmen.

Ganz wichtig für alle unsere Leser muss es sein, an der Wahl teilzunehmen und damit nicht nur vom verfassungsmäßig zustehenden Wahlrecht Gebrauch zu machen, sondern auch die persönliche Verantwortung für die Mitgestaltung unseres Vaterlandes tätig umsetzen.

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Die Republik als Sache des Volkes

khol_GLJ_1785_cropped_CMYKZur Zukunft einer neuen Bürgersolidarität.  Gedanken vom Bundespräsidentschaftskandidaten Kbr. Präs. a.D. em. UnivProf. Dr. Andreas Khol v. Welf (KRW). 

Der Ursprung des österreichischen Wunders, der Zweiten Republik, ist der Gesellschaftsvertrag der Österreicherinnen und Österreicher. Abgeschlossen von der politischen Elite im nationalsozialistischen Konzentrationslager bei Dachau, führte er zur Unabhängigkeitserklärung am 27. April 1945. Er umfasste jenen Grundkonsens, der noch heute als ungeschriebenes Grundgesetz in Österreich gilt. Zu Recht hat Alfred Hrdlicka in seinem Denkmal gegen Nationalsozialismus und Gewalt auf einer monumentalen Granitstele diese Unabhängigkeitserklärung verewigt, gemeißelt in einen Granitblock aus den Steinbrüchen von Leopold Helbich in Mauthausen, wo einstens andere Herren, die Nationalsozialisten, die Menschen bestialisch geschunden haben.

Dieser ungeschriebene Gesellschaftsvertrag hat die Zweite Republik hervorgebracht. Österreich ist zu einem Staat geworden, den seine Bürgerinnen und Bürger lieben. Österreich wurde zu einem wohlhabenden, geachteten, demokratischen Land. Österreich gehört heute zur Weltspitze in sozialer Gerechtigkeit und Lebensqualität. Tief im Herzen und im Leben der Menschen verankert, gestaltet dieser Gesellschaftsvertrag nach wie vor unser Land. Er ist allerdings von mehreren Seiten her bedroht. Entfremdungserscheinungen prägen nicht mehr nur Randschichten. Immer mehr Menschen sind gefährdet. Der Staat hat vielfach die Verantwortung für die Hilfe an sich gezogen, die Solidarität verstaatlicht, ohne alles das, was versprochen wird, wirklich leisten zu können. Immer mehr Menschen brauchen heute Hilfe vom Staat zum Überleben. Der Staat ist am Ende seiner Leistungskraft, die redlichen Leistungsträger, die Steuerzahler, revoltieren. Die verstaatlichte Solidarität hat ihre Grenzen schon lange überschritten. Die Treffsicherheit unseres Wohlfahrtsstaats fehlt. Trittbrettfahrer, Faule, Mitnehmer – sie nutzen den Staat aus. Die Hilfe des Staates ist für Leistungsschwache, nicht für Leistungsunwillige gedacht. Die Bürgerinnen und Bürger sind es leid, die soziale Hängematte für diesen Missbrauch zu bezahlen. Es fehlt die Sozialethik: das Bewusstsein, dass der Missbrauch des Sozialstaats ein Unrecht ist.

Die Gesellschaft verkümmert unter diesem Ansturm zum Bürokratiestaat. Das Heer der Bürokraten leistet wichtige und qualitätsvolle Arbeit; es wird allerdings unfinanzierbar.

Die Demokratie beschränkt sich mehr und mehr auf die Möglichkeit der Stimmabgabe bei Wahlen. Die Stimmabgabe bedeutet zugleich Abgabe, Abtretung der Stimme, Abgabe der Mitbestimmung.

An der Wurzel dieser Entfremdungen liegt eine falsche Aufgabenverteilung in Staat und Gesellschaft. Die Verstaatlichung der Solidarität, der Nächstenliebe und Nächstenhilfe hat dieses Überborden von Staatsmacht bewirkt. Das private Engagement wurde zurückgedrängt. Nicht ich selbst bin für meine Sucht, meine Arbeitslosigkeit, mein Kind, meine Eltern verantwortlich, sondern die anderen. Der Staat ist alles: Arzt, Arbeitgeber, Rabenvater, Über-Familie. Die Hilfsbereitschaft der Menschen, die Verantwortung des Menschen für sich selbst und die Familie werden verschüttet. Wir brauchen also eine neue Aufgabenteilung. Der Einzelne muss wieder für sich selbst und die Seinen die erste Verantwortung tragen. Wir brauchen eine neue Bürgersolidarität: Die Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger muss wieder angenommen, unterstützt, eingesetzt und anerkannt werden.

Wir müssen jene Grundwerte besonders konkretisieren und besonders pflegen, derer die Gesellschaft besonders bedarf. Dies ist heute die belastbare Solidarität aller Bürgerinnen und Bürger. Mit der Forderung nach einer neuen Bürgersolidarität müssen sich alle Parteien und alle politischen Akteure auseinandersetzen, wenn sie die Zeichen der Zeit richtig deuten. Die neue Bürgersolidarität leistet nämlich Wichtigstes:

Sie bringt eine Erstarkung der Demokratie.

Sie bewirkt eine neue Aufgabenteilung hin zum Bürger.

Sie nützt den Solidaritätsvorrat in unserer Gesellschaft.

Sie kann das „Leiden am sinnlosen Leben“ durch Sinngebung lindern.

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Meine Botschaft ist klar: Ich glaube, dass nur die Bürgersolidarität jener Weg sein kann, auf dem wir erfolgreich durch das 21. Jahrhundert gehen. Ziel ist das Zusammenwirken der vielen bereits bestehenden freien Vereinigungen initiativer Bürgerinnen und Bürger mit den Parteien und ihren zahllosen Vorfeld- und Spezialorganisationen auf allen Ebenen. Ziel ist auch die Stärkung der Verantwortung des Einzelnen für sich selbst und die Seinen, die Festigung der Familie, die planmäßige und umfassende Ausgestaltung dieser freien Vereinigungen. Das Ehrenamt muss noch stärker anerkannt und gefördert werden. Die ehrenamtlich wirkenden Bürger und Bürgerinnen müssen Zugang zu staatlichen Geldquellen und zu Sachmitteln, aber auch zur Ausformung und Durchsetzung von Werten haben.

Es gilt, getreu dem Wahlspruch zu denken und zu handeln:

In necessariis unitas - Einheit, wo nötig

In dubiis libertas - Im Zweifel die Freiheit

In omnibus caritas - In allem die Liebe

Ein weites Land liegt vor uns. Ich bin überzeugt, dass Parteien, die auch in Zukunft Verantwortung tragen wollen, sich den Grundsätzen der Bürgersolidarität entsprechend neu ausrichten müssen. Ein Gegensatz zwischen Parteiarbeit und Mitarbeit in den Einrichtungen der Bürgersolidarität besteht nicht und darf nicht konstruiert werden. Der Vielfalt der Einrichtungen Hilfe anzubieten, sie zu unterstützen, in ihnen aktiv zu werden, ihnen Gehör und Anerkennung zu verschaffen – all dies ist auch für eine Partei Gestaltungsauftrag.

Die bewährten Wertestifter, die Vertragspartner des österreichischen Gesellschaftsvertrages, die Kirchen, die Gewerkschaft, die anderen Sozialpartner sind ebenfalls zur Grundsatzdiskussion aufgerufen, wo sie noch nicht die nötigen Veränderungen im Geiste der Bürgersolidarität vorgenommen haben. Für sie alle, nicht nur für die politischen Parteien, ist die Antwort überlebenswichtig, die sie auf die herausfordernde Frage der neuen Bürgersolidarität geben. Letztlich lebt unsere Gesellschaft in allen Bereichen von den leistungsbereiten Bürgerinnen und Bürgern. Erwin Pröll verdanke ich den Hinweis auf die letzte Rundfunkrede des Gründungs-Bundeskanzlers unserer Zweiten Republik, Leopold Figl, kurz vor seinem Tod 1965:

„Es gehörte zwischen 1938 und 1945 sehr viel Mut dazu, der Gewaltherrschaft zu trotzen. Es war auch sehr viel Selbstbewusstsein notwendig, um zwischen 1945 und 1955 den Standpunkt Österreichs in vielen Dutzenden von Verhandlungen mit den Alliierten kompromisslos zu vertreten. Es bedarf aber nach meiner Meinung nicht weniger des Mutes, in einer Zeit, in der echter österreichischer Patriotismus, der sich 1945 so glänzend bewährt hat, im Überfluss des Wohlfahrtsstaates zu ersticken droht, das notwendige Maß an Zivilcourage aufzubringen, die allein der Österreichidee zum allgemeinen Durchbruch verhelfen kann. Ohne Zivilcourage lebt die Freiheit nicht lange ...“

Ich baue und vertraue auf die Stärken unseres Landes, die Zivilcourage und das Engagement der Bürgerinnen und Bürger und der Bürgergesellschaft. Aufgabe der Politik ist es, dieses zu ermutigen und weiter durch die richtigen Rahmenbedingungen zu unterstützen. Ich bewerbe mich um das Amt des Bundespräsidenten, weil ich meine Erfahrung dafür einsetzen kann, Österreich und seine Bürgergesellschaft zu stärken. Dem Bundespräsidenten kommt in Österreich die entscheidende Rolle des Brückenbauers zwischen eben jener freien couragierten Bürgergesellschaft und dem politischen und institutionellen Gefüge zu. Durch die Direktwahl ist der Bundespräsident von den Bürgerinnen und Bürgern mit der notwendigen demokratischen Legitimation ausgestattet, aber es braucht auch die Fähigkeiten eines erfahrenen Staatsmannes, um diese normative Stärke des Amtes mit Leben zu erfüllen. Gemeinsam werden wir die neuen Wege gehen, um ein starkes demokratisches Österreich im Herzen eines friedlichen, immer besser kooperierenden, dynamischen und weltoffenen Europa erfolgreich zu gestalten.

Ist unsere Demokratie noch zeitgemäß?

Von Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer. hofer_csm_Hofer-Norbert_9299_d91868364b

Sehr geehrte Herren der K.Ö.St.V. Ostaricia!

Ich darf Ihnen für Ihr Interesse sehr herzlich danken und komme Ihrer Bitte gerne nach, meine Gedanken über „res publica – res populi“ auszuführen.  Derzeit beantworte ich viele Anfragen zu den unterschiedlichsten Themen und stelle dabei fest, dass ein manifestes Interesse an der „Öffentlichen Sache“ - dem Staat - besteht, der unser Zusammenleben regelt.

„Res publica – res populi“ – Der Staat ist Sache des Volkes. So sah es Cicero, als er sein Werk „De re publica“ verfasste. Gemeint war damit, dass das Schicksal eines Staates maßgeblich in den Händen seiner Bürger liegt, die über seinen Werdegang bestimmen. Cicero sah aber nicht die reine Demokratie als die beste Staatsform an, sondern war ein Anhänger einer Herrschaftsform, in der neben der Demokratie auch Elemente der Aristokratie und Monarchie aufzufinden waren.

Obwohl ich viele Dinge so sehe wie Cicero, muss ich ihm in der Beurteilung, welche Herrschaftsform die beste sei, doch widersprechen. Die Demokratie, die wir in unserer Heimat und in vielen anderen aufgeklärten Staaten genießen, hat sich in ihrer Entwicklung im Verlauf der Geschichte als jene Staatsform herauskristallisiert, in der sich die Menschen am besten verwirklichen können. Sie garantiert den Bürgern größtmögliche Mitbestimmung und optimale Vertretung ihrer Interessen gegenüber dem Staat. Die Beteiligung aller Bürger am Gemeinwesen gewährleistet aber noch einen anderen sehr wichtigen Punkt: Den Zwang der Politik, den Menschen über ihr Tun Rechenschaft abzulegen. Dieser Mechanismus schützt unsere Gesellschaft vor Personen oder Personengruppen, die ihre Eigeninteressen vor das Wohl der Allgemeinheit stellen. Die Vorteile, der mit der Demokratie fest verbundenen Gewaltenteilung müssen nicht extra ausgeführt werden.

Allerdings gab es in den letzten Jahren politische Veränderungen, die dem Ansinnen der Demokratie und damit auch der „res populi“ stark entgegengewirkt haben. Die Souveränität unserer Republik und die damit verbundene Selbstbestimmung des Staates durch seine Bürger ist mit der Ratifizierung des Vertrages von Lissabon stark eingeschränkt worden. Viele Kompetenzen, die in der Hand der nationalen Regierungen und damit in der Hand des Volkes lagen, wurden an eine übergeordnete Ebene – die der Europäischen Union – abgegeben. Darüber hinaus wurde die Union laufend erweitert, ohne die Bürger der bisherigen EU-Mitgliedsstaaten über die politische Eingliederung abstimmen zu lassen. Diese Entwicklung bereitet mir aus demokratiepolitischer Sicht große Sorgen und bestärkt mich in meiner Forderung, die Bürger vermehrt in den Entscheidungsprozess miteinzubeziehen. Spätestens bei einem Beitritt der Türkei in die EU, eines Staates, der weder geographisch (mit einer kleinen räumlichen Ausnahme), noch kulturell Europa zugehörig ist, muss man der österreichischen Bevölkerung die Möglichkeit geben, über einen weiteren Verbleib in der Union abzustimmen.

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Auch das mit der Verabschiedung verschiedener EU-Verträge erwirkte Wahlrecht für Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft auf Kommunalebene untergräbt die Selbstbestimmung des ansässigen Volkes. Nun ist es tatsächlich möglich, dass Personen die mit dem Wahlrecht verbundenen Pflichten (zum Beispiel die Wehrpflicht) erspart bleiben, die aber dennoch die politischen Geschicke in der jeweiligen Kommune durch ihr Wahlrecht mitgestalten können. Hier bedarf es einer Veränderung, ganz im Sinne Ciceros, die das alleinige Wahlrecht den österreichischen Staatsbürgern zugesteht und sichert. 

Diese und andere politische Miseren sind vermutlich die wesentlichen Faktoren der derzeit stark ausgeprägten Politik(er)verdrossenheit. Der Wunsch vieler Personen, aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen, ist oftmals zugunsten einer politischen Resignation gewichen. Um der Gefahr dieser postdemokratischen Entwicklungen entgegenzuwirken, ist es auch notwendig, ‚das Politische‘ wieder in den Vordergrund zu stellen und die öffentlichkeitswirksamen Showeffekte hintanzuhalten. Die Politik muss künftig wieder Verantwortung für ihr Tun und Handeln übernehmen, um zu zeigen, dass unsere Demokratie handlungsfähig ist und über Handlungskompetenz verfügt.

Um die Österreicher wieder vermehrt in die „öffentliche Sache“ einzubeziehen und ihnen nicht nur alle paar Jahre die Möglichkeit zu geben, ihre politischen Vertreter zu wählen, muss unsere Demokratie daher weiterentwickelt werden. Daher trete ich für den Ausbau direktdemokratischer Elemente in Österreich ein. Dabei geht es in erster Linie natürlich nicht darum, tagespolitische Fragestellungen auf die Bevölkerung abzuwälzen, sondern vielmehr sollen die Menschen bei wesentlichen Weichenstellungen, die den politischen Werdegang unserer Republik maßgeblich beeinflussen, die Zügel mit in die Hand nehmen und entscheiden, welcher Weg eingeschlagen wird. Kurzum, der Staat soll nach dem Vorbild der Schweiz den Bürgern mehr demokratisches Mitbestimmungsrecht einräumen. Denn alles, was im Parlament entschieden wird, kann auch Inhalt eines Volksbegehrens sein. Damit könnten auch Gesetzesinitiativen gestartet oder Vorhaben der Europäischen Union, wie das Transatlantische Freihandelsabkommens (TTIP), einer kritischen Beurteilung unterzogen werden.

Cicero beschrieb in seinem Werk „De re publica“ nicht nur die verschiedenen politischen Herrschaftssysteme, er setzte sich auch mit dem Staatsmann auseinander, also jener Person, die in der Demokratie vom Volk als dessen Repräsentant bestimmt wurde. Im Falle unserer Heimat, der Republik Österreich, erfüllt der Bundespräsident die Aufgabe, höchster Repräsentant seiner  Bürger und der Republik zu sein und genießt gleichzeitig das Privileg, direkt von seinen Bürgern gewählt zu werden. Besonders letztgenannte Tatsache verpflichtet den Bundespräsidenten, sich immer in den Dienst seiner Bevölkerung zu stellen und alle Bemühungen dahingehend zu konzentrieren, allfälligen Schaden vom Volk und  der Republik abzuwenden. Natürlich beinhaltet das auch das beherzte Eingreifen in die politischen Geschicke, wenn die jeweilige Regierung einen Kurs einschlägt, der für die Österreicherinnen und Österreicher von Nachteil wäre. Auch das Einhalten geltender Gesetze und Bestimmungen durch die politische Verwaltung muss vom Bundespräsidenten sichergestellt werden.

Ich liebe meine Heimat und fühle mich ihr verpflichtet, deshalb werde ich mich mit all meiner zur Verfügung stehenden Kraft und großer Demut dafür einsetzen, dass die Republik Österreich und mit ihr alle Österreicher im besten Sinne entfalten und ihren Werdegang selbstbestimmt und in Freiheit gestalten können.

Abschließend darf ich festhalten, dass sich besonders die Farbenstudenten - mit ihren Wurzeln in der Aufklärung und französischen Revolution - als starke und treue Verfechter der Demokratie erwiesen haben. Ich hoffe, dass ich Ihnen meine wesentlichen Vorstellungen vermitteln konnte und verbleibe in diesem Sinne mit den besten Grüßen und einem „vivat, crescat, floreat“!

Ihr Norbert Hofer

40 Jahre Ostaricen-Wallfahrt

40 Jahre Ostaricen-Wallfahrt

Rede zur Wallfahrerkneipe von Bbr. Alfred Kempinger v. Dr.cer. Pipin.

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Dr. Pipin hält die Rede zu Kneipe

Liebe Wallfahrer, gerne begrüße ich euch so, denn schließlich habt ihr alle an unserer nun schon über 40 Jahre bestehenden Wallfahrt Anteil, entweder als Pilger oder als Besucher. Auch die Wenigen hier, die noch nicht teilgenommen haben, begrüße ich auf diese Weise, weil ich hoffe, sie bald zu unserer Runde zählen zu können.

Als ich vor 40 Jahren im Jahre 1975 auf Drängen einiger Bundesbrüder die Wallfahrt ins Leben gerufen habe, habe ich nicht einmal im Traum daran gedacht, dass sie mehr als ein paar Mal stattfinden würde und schon gar nicht, dass wir, da sie zu einer Institution geworden ist, ein 40-Jahr-Jubiläum begehen würden. Von Ostaricia ist sie nicht mehr wegzudenken, sie macht mehr als ein Drittel von uns aus – zeitmäßig gemessen an der Dauer des Bestandes der Verbindung und personell mit über 50 Bundesbrüdern als Fußwallfahrer und mehr als 30 Bundesbrüdern als Besucher in Mariazell oder einer der Stationen. Auch das sind zusammen mehr als ein Drittel der Verbindungsmitglieder.

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Grußworte des Organisators der Wallfahrt, Dr. Sir Amor

Auch hat die Wallfahrt schon lange den Rahmen Ostariciae gesprengt und im Laufe der Zeit sind mehr als 50 Korporierte – zum größten Teil aus unseren Freundschaftsverbindungen Comagena und Markomannia, aber auch aus dem ÖCV, überwiegend aus e.v. Rudolfina, bis hin zu Damenverbindungen und dem Wingolf – als Geher und Besucher ihrem Ruf gefolgt. Einen großen Prozentsatz aber bilden Damen und Nichtkorporierte, die zum Teil mit großer Treue an der Wallfahrt hängen oder ihr schon lang die Treue gehalten haben. Jedenfalls hat die Idee während ihrer 40 Jahre mehr als 300 Personen in ihren Bann gezogen.

Doch auch an unserer Wallfahrt ist die Zeit nicht spurlos vorübergegangen – „manch einen hat der Tod gerufen nach seinem ew´gen Heimatort“: stellvertretend für alle seien die Bundesbrüder Ekkehard, Sueton, Dr. Archie, Gilbhard, Thaddäus und das Ehepaar Maukie und Franzl Thajer genannt, die einst zum Urgestein der Wallfahrt gehört haben. Sie und die vielen anderen wollen wir der Fürsprache der Mariazeller Muttergottes empfehlen.

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Bbr. Goliath präsentiert die Wallfahrercollage

Auch das Management hat sich verändert – so begleiten Dr. Stamperl und meine Wenigkeit die Pilger nicht mehr zu Fuß, sondern per PKW und unser Cheflogistiker Zarathustra – damals war er ja noch nicht Dr. cerevisiae – hat sich nach 25 Jahren überaus verdienstvollen Wirkens von seinen Funktionen zurückgezogen. Er wurde von Bbr. Marlborough abgelöst, dem es gleichfalls zu danken gilt, und dieser wiederum hat den Marschallstab an Dr. Sir Amor weitergereicht, dem wir alles Gute für sein Amt wünschen.

 

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Sangeswart Alarich an der Gitarre

Und weil ich von Treue und Urgestein gesprochen habe: Viele Wallfahrer bekunden ihre Verbundenheit durch ihre oftmalige Teilnahme, ich denke da im Besonderen an den zur grauen Eminenz gewordenen Bbr. Alexander, an Monika Sprinzl, die Familie Thajer, die Damen Britta Grohmann, Inge Dörfel, an unsere Isi Haider, die für unsere Jungen zu einer Art Wallfahrtsmutter geworden ist und nicht zuletzt an meine Tochter Susanne mit ihren 17 Pilgerfahrten. Nicht zu vergessen unsere Anni Anderle, die, als ihr das Mitgehen nicht mehr möglich war, jahrelang in Heiligenkreuz am Reisesegen teilgenommen hat, für unseren Einzug in Maria Reisenmarkt das Glockengeläute arrangiert und uns mit ihrem köstlichen Zwetschkenkuchen verwöhnt hat. Ich denke ferner an Bbr. Skalpell mit seinen so stimmungsvollen Gottesdiensten in der Gscheidkapelle und an seine Mutter Luise mit ihrem wohlschmeckenden „Monastirka“. Erwähnen will ich auch unseren treuen Pater Norbert, der es sich bis zum heutigen Tag nicht nehmen lässt, eigens aus Asparn an der Zaya anzureisen, um unseren Abschluss-Gottesdienst in Mariazell zu zelebrieren und auf diese Weise Kontakt mit seiner Ostaricia zu halten. Nicht vergessen sollen wir auch die Bundesbrüder Dr. Theoderich, der solange es ging unsere Versorgung am letzten Wallfahrtstag in vorbildlicher Art bewerkstelligte, und Kallisto, der seine Verbundenheit jahrelang durch seine Besuche mit dem Motorrad bei fast allen Stationen unter Beweis gestellt hat.

Ja, die Wallfahrt ist zu einer Institution geworden! Viele Ideen wurden in ihrem Rahmen geboren, wie zum Beispiel die über 10 Jahre währende Blutspendeaktion der Verbindung, und vieles wurde erörtert und festgelegt, das dann im Korporationsleben umgesetzt wurde. Und dass sie lebt, beweist die Teilnahme vieler auch jüngerer Bundesbrüder, wie zum Beispiel Wheezy, Goliath, Xentiphos, Kadmos und anderer. Aber auch ganz Junge werden von der Idee angezogen – so hat unser Fuchs Atlas schon eine Wallfahrt hinter sich, hat sich heuer wieder angemeldet und mit ihm 6 weitere Aktive. Auch der Benjamin unserer Wallfahrt, meine Enkelin Katharina rüstet sich in ihrem zarten Alter von 12 Jahren für ihre dritte Teilnahme.

Also für die Zukunft brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Wie es meine Tochter in ihrem im Altherrenbrief veröffentlichten Artikel formuliert hat: „Die Wallfahrt ist eine ansteckende Krankheit, die nur schwer auskuriert werden kann!“ Um es zeitgemäß auszudrücken: die „Zellermania“ hat uns fest im Griff und so soll es bleiben. Es lebe die Wallfahrt ad multos annos! – oder: So lange die Füße tragen!2016-8-4_Wallfahrerkneipe (25)

Ein Heiliges Jahr

Ein Heiliges Jahr

Von Bbr, wHR i.R. Dipl.-Ing. Friedrich Birkner v. Dr.cer. Stamperl.

Papst Franziskus hat ein neues Heiliges Jahr in der katholischen Kirche angekündigt. Das sogenannte „Jubiläum der Barmherzigkeit“ soll von Dezember 2015 bis 20 November 2016 dauern, wie der Papst am Freitag 13. März 2015 bereits angekündigt hat.

Es ist ja sicherlich allen bekannt, dass das Kirchenjahr mit dem ersten Adventsonntag und nicht mit dem 1. Jänner beginnt. Daher begann auch das Heilige Jahr am 8. Dezember 2015.

Der Heilige Vater wünscht sich, dass das Heilige Jahr eine „neue Etappe auf dem Weg der Kirche“ sei, das Evangelium der Barmherzigkeit allen Menschen zu bringen, sagte er in seiner Predigt. Das letzte Heilige Jahr hatte Johannes Paul II im Jahr 2000 ausgerufen. Damals waren insgesamt rund 25 Millionen Pilger und Touristen nach Rom gekommen.

Turnusgemäß sind Heilige Jahre alle 25 Jahre vorgesehen. Das „Jubiläum der Barmherzigkeit“ ist damit ein außerordentliches Heiliges Jahr. Mit seiner Organisation ist der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung betraut.

Das erste Heilige Jahr wurde 1300 von Papst Bonifaz VIII ausgerufen. Seit 1450 wird es alle 25 Jahre begangen. Der katholische Brauch leitet sich vom jüdischen Jubeljahr her, das nach dem biblischen Zeugnis alle 50 Jahre begangen wurde. In diesem Jahr sollten Schulden erlassen und Sklaven auf freien Fuß gesetzt werden. 

Die offizielle Ausrufung des Heiligen Jahres erfolgte am 12. April, an dem die Kirche Barmherzigkeitssonntag feierte. Der Papst hat an diesem Tag dann die Heilige Pforte des Petersdoms geöffnet und eine Bulle feierlich verlesen.

Am Eröffnungstag des Heiligen Jahres begeht die katholische Kirche zudem das Hochfest der unbefleckten Empfängnis Mariens. Das Ende des Jahres fällt am 12. November mit dem Christkönigsfest zusammen, dem letzten Sonntag im liturgischen Jahr der katholischen Kirche.

Während des Heiligen Jahres sind Katholiken aufgerufen, nach Rom zu pilgern und in den dortigen Hauptkirchen Gottesdienst zu feiern und zu beten. Das Ziel ist die Stärkung des Glaubens.

Das Heilige Jahr sei auch eine „Einladung, das mit dem Konzil begonnene Werk fortzusetzen“, heißt es in einer Mitteilung des Vatikans. Genau 50 Jahre vor dem geplanten Beginn des Kirchenjahres, am 8. Dezember 1965, war das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) zu Ende gegangen, das grundlegende Reformen in der katholischen Kirche angestoßen hatte.

Der Papst hat gesagt, dass zu überlegen sei, wie die Kirche ihre Mission, ihr Zeugnis der Barmherzigkeit überzeugend erfüllen könne. Es muss am Anfang eine spirituelle Umkehr stehen.

Im Vorfeld des Heiligen Jahres wurde eine Bischofssynode abgehalten, die sich besonders mit der Familienpastorale auseinandergesetzt hat. Verschiedenste Gremien in der Kirche, darunter auch die AKV, die Österreichische Pastoralkommission haben Papiere erarbeitet, wie aus ihrer Sicht eine innere Wandlung und ein neuer Aufbruch in der Kirche aussehen könnte.

Auf der Grundlage der Barmherzigkeit ist die Begleitung von Ehepaaren, die Frage des Umganges mit Geschiedenen und wiederverheirateten Paaren neu zu bedenken. Ist die Sexualmoral nach „humane vitae“ der Kirche heute noch sinnvoll und in der Form erforderlich? Kann die Kirche Familien auf ihrem Weg helfen und unterstützen?

Dabei muss darauf Bedacht genommen werden, dass die Sprache der Kirche so verändert werden sollte, dass sie von den Menschen auch verstanden werden kann. Denn nur dann ist eine Nachfolge möglich.

Eine große und schwere Aufgabe, die die Bischöfe in Rom bei der Synode hatten. Man durfte sich aber nicht erwarten, dass das Ergebnis der Synoden ein neues Rezept mit Lösungen darstellt. Sie kann nur ein neuer Anstoß sein und es besteht die große Gefahr, dass die Medien nach Abschluss der Synode diese sofort wieder schlecht reden, wenn nicht die von ihnen geforderte Liberalisierung plakativ kolportiert wird. Auch der so genannte große Wurf war  nicht zu erwarten, denn dieser wäre sehr vielfältig und wie ich aus den Vorbereitung persönlich erfahren habe verschieden wertig. Was für die eine Gruppe ein Problem darstellt, ist für eine andere Gruppe gar kein Thema. Wie schaut es nun aus, wenn Katholiken oder Bischöfe aus verschiedenen Kontinenten zusammentreffen und einen einheitlichen pastoralen Zugang beschließen sollen?

Als großer Erfolg bei der Bischofssynode kann erwähnt werden, dass viel deutlicher als beim II. Vaticanum die pastoralen Probleme angesprochen und oft sehr heftig diskutiert wurden. Beim Beispiel des Problems der geschiedenen Wiederverheirateten kann man am Ergebnis des Synode erkenne, dass diese Menschen nicht mehr automatisch exkommuniziert sind und im Einzelnen die Barmherzigkeit zum Tragen kommen soll. Die letztendliche Formulierung bzw. Weisung seitens des Hl. Vaters steht jedoch noch aus.

Unser Gebet um die Wirkung des heiligen Geistes kann und wird den weiteren Weg der Lehre und der pastoralen Tätigkeit der Repräsentanten in unserer Kirche unterstützen.

Zum studentischen Lied

Zum studentischen Lied

Vom Herausgeber des neuen „ großen österreichischen Kommersbuches" Kbr. Prof. Raimund Lang v. Dr.cer. Giselher (ILH et mult.).

Dass der studentische Gesang so alt ist wie die studentischen Gemeinschaften, kann als sicher an-genommen werden. Musikalische Artikulation ist die älteste kultische Äußerung der Menschheit, und so haben schon die frühen Studenten, die von weither zu den wenigen Hohen Schulen gezogen sind und sich dort in Wohngemeinschaften zusammengeschlossen haben, zum Schmaus und Trunk gewiss auch den Gesang gepflogen.

Ein  Kuriosum ist freilich, dass das erste Lied, dem wir heute das Prädikat Studentenlied zugeste-hen, während eines Krieges entstanden ist. Es geschah während des lombardischen Feldzugs Friedrich Barbarossas im Jahr 1164, dass der – für uns namenlos gebliebene, aber als „Archipoeta“ überlieferte – Hofdichter des Kölner Erzbischofs und deutschen Reichskanzlers Reinald von Dassel sich vor seinem Herrn gegen den Vorwurf des Trunkes verteidigen musste und dies mit geschliffenen lateinischen Versen tat, deren mittlere Strophen, beginnend mit den Worten „Meum est propositum in taberna mori“, durch die spätere studentische Rezeption zum ersten Produkt der „Kneippoesie“ wurden.

Meum est propositum
Meum est propositum: Der erste Text, dem die Bezeichnung "Studentenlied" zukommt.

Was der Archipoet – der Erzdichter also – kreierte, war zwar ein Lob des Trinkens, aber frei von jeglicher Saufattitüde, wie sie die Studentenlieder des Hochmittelalters bis hinein ins 19. Jh. kennzeichnet. Denn seine, schon bei Horaz und Anakreon vorgedachte, später von den orientalischen Dichtern wie Omar Chajam oder Hafis weitergeführte und über sie von Goethe übernommene Philosophie preist den erbaulichen und belebenden Trunk, der zur Öffnung des Geistes, Hebung des Bewusstseins und Anregung der Phantasie dient. Diese Art des Stoffgenusses ist ein kontrollierter und damit gemeinschaftsfördernder Vorgang, der bis heute jeglichem studentischen Kneipen als Muster dienen kann.

Am Anfang steht folglich nicht nur ein Trinklied, sondern auch ein lateinisches Gedicht, also humanistisches Bildungsgut. Als solches hat sich bis heute nur das wesentlich jüngere, über Jahrhunderte lange Mutationen entstandene „Gaudeamus igitur“ in unserem Repertoire gehalten. Aus einem düsteren Bußlied hat es sich zu etwas entwickelt, das eher an Flagellantenprozessionen denken ließ als an studentische Festzüge. Aber letztlich siegte die Lebenslust über die Beklagung der Vergänglichkeit – das Wort Gaudeamus – Freuen wir uns! – trat an die Spitze und kennzeichnet bis heute die Grundstimmung geselligen studentischen Selbstverständnisses.

Der es uns aufgeschrieben hat, war ein eher zügelloser und verbummelter Magister aus Halle, Christian Wilhelm Kindleben, dem wir aber immerhin das erste gedruckte Studentenliederbuch der Welt verdanken. Für dieses hat er dem Gaudeamus seine bis heute gültige Textgestalt gegeben. Das war 1781, und nur ein Jahr später folgte der Norddeutsche August Heinrich Niemann mit seinem „Akademischen Liederbuch“, worin sich der „Landesvater“ mit all seinen wechselnden Strophenformen findet, wie wir ihn – mit einigen Abstrichen und Variationen – heute noch singen.

Bis ins späte 18. Jh. haben sich studentische Lieder – also Lieder, die entweder von Studenten oder für Studenten geschrieben wurden, oder den Studenten zur handelnden Figur erhoben – nur durch handschriftliche Überlieferungen verbreitet und erhalten. Ihre Themen waren neben dem Trunk natürlich die Frauen und der verkürzend als „Liebe“ überschriebene Kontakt zu ihnen, das Glückspiel und das Raufen, wobei das eine oft genug mit dem anderen zu tun hatte. Unter Raufen ist der Kampf mit der der scharfen Hieb- oder Stichwaffe zu verstehen, die zu führen die Studenten schon früh beansprucht hatten, was zur Rohheit des studentischen Lebens einiges beigetragen hat.

Diese Roheit war für die Sitten der beschönigend als „Musensöhne“ bezeichneten jungen Herren und ihrer Zirkel durchaus charakteristisch und wurde von der Bevölkerung verabscheut und gefürchtet. Entsprechend derb und zotig fielen auch die Lieder aus, deren Niederschriften nicht selten durch diskrete Pünktchen neutralisiert wurden. Selbst manche alte Gaudeamus-Strophen entbehren nicht solcher Schlüpfrigkeit.

Daneben aber haben sich durchaus rührende und ethisch ansprechende Texte entwickelt und erhalten, die uns in mehren Sammlungen vorliegen, etwa dem „Studentenschmaus“ des Johann Hermann Schein von 1626, dem noch älteren „Studentengärtlein“ des Johannes Jeep (frühes 17. Jh. oder dem Liederbuch des Leipziger Studenten Clodius von 1669).

Studentenleben im 18. Jh
Studentisches Leben im 17. Jahrhundert: Fidel, aber wenig gesittet.

Erst die studentischen Orden des 18. Jh., die teils gegen die bestehenden Verbindungen, teils auch innerhalb dieser entstanden sind, brachten eine Art von Sittlichkeit und Kultur in das studentische Bundeswesen, und schließlich sorgte der napoleonische Schock für eine völlige Neuorientierung. Studenten begannen, ihren gesellschaftlichen und politischen Auftrag zu begreifen und eilten unter dem Eindruck des Freiheitsverlustes – der sich ja auch auf den unter französische Verwaltung geratenen Universitäten auswirkte – zu den Fahnen und Waffen. Damit änderte sich die studentische Gesangstradition radikal. Das Kampflied trat auf, glutvoll und aufputschend, voller Kraft und Begeisterung. Arndt, Schenkendorff und der todessehnsüchtige Körner sind seine Exponenten, unter den Komponisten nimmt Methfessel eine führende Stellung ein.

Dass uns gerade diese Lieder, die vom fatalistischen Erlebnis eines als unvermeidbar empfundenen, letztlich auch erfolgreichen Krieges geprägt sind, heute Schwierigkeiten machen, ist klar. Gar manches ist in der Gegenwart unsingbar geworden, aber der Rang dieser Lyrik und ihrer musikalischen Entsprechung (immerhin gehört Carl Maria von Weber zu deren Meistern) ist deshalb nicht verwerflich, sondern bedarf des Zeitverständnisses.

Auflösungsconvent der Urburschenschaft
"... und unsre Burg ist Gott": Ethik und Gottvertrauen kennzeichnen den Gesang der Urburschenschaft

Die Urburschenschaft (1815) mit ihren hohen Idealen wuchs aus dieser Bewegung heraus und wurde zur ersten Korporation des modernen Typs. Gerade sie pflegte das studentische Lied zum Zweck der emotionellen Bindung – so war mit der Einladung zum Wartburgfest (1817) auch die Aufforderung an jede Delegation verbunden, ein neues Lied zu verfassen und mitzubringen, was auch geschah. Es ist also kein Zufall, dass viele Trinklieder jener Zeit auch Kampflieder sind und umgekehrt. Und noch etwas tritt durch die Urburschenschaft hinzu: das Gottesbild. „Wem soll der erste Wunsch ertönen? Dem Gott, der groß und wunderbar“ klingt es schon beim Gründungsakt, und bei der erzwungenen Auflösung vier Jahre später heißt es: „Der Geist lebt in uns allen, und unsre Burg ist Gott!“

Scheffel 1863
Joseph Victor von Scheffel: Sein burschikoser Humor belebt noch heute die Kneiptafeln

Das studentische Lied entspricht während des 19. Jh. in seiner Entwicklung dem politischen Geschehen. Da folgt Revolutionäres auf Biedermeierliches, steht Parodie neben Bekenntnis. Da wird nach Ehre, Freiheit und Vaterland gerufen und gleichzeitig vom Schwarzen Walfisch zu Askalon erzählt. Dieser ist übrigens ein Produkt Josef Viktor von Scheffels, ohne dessen burschikosen Humor unsere Kneiptafeln noch heute ärmer wären (Ichthyosaurus, Hering und Auster, Zwerg Perkêo). Und musikalisch klingt das Jahrhundert mit den Weisen des Rheinländers Otto Lob aus, be-schwingt und melodienselig. Das 1907 gedichtete und von ihm vertonte „Student sein, wenn die Veilchen blühen“ wird zum letzten überregional erfolgreichen Studentenlied korporativer Prägung.

Das 20. Jh. bleibt epigonal. Zwar wird manch Neues gedichtet, doch ähnelt es dem bereits Vorhan-denen, was zumeist das Bessere ist. Ein wirklicher Stilwandel kam nicht mehr zustande. Stellt man heute ein Studentenliederbuch zusammen, wie der MKV das jüngst wieder getan hat, so ordnet man vor allem historisches Gut.

Was dieses neue Liederbuch, das sich stolz „Großes österreichisches Kommersbuch“ nennt, anbelangt, so war es durchaus Wunsch der Autoren, neben der Auswahl des Geläufigen und der verhaltenen Bereicherung durch Erneuertes auch die geschichtliche Entwicklung des Studentenliedes während der letzten beiden Jahrhunderte darzustellen und in vielen Fällen zu kommentieren und zu interpretieren. Ein heutiges Kommersbuch muss – das ist meine feste Überzeugung – auch „Leselieder“ enthalten, also solche, die unabdingbar zur Geschichte gehören, auch wenn sie sich nicht mehr als gegenwärtig singbar erweisen. „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ ist so ein typisches Beispiel – dass es auf ihn eine gelungene Parodie aus jüngster Zeit gibt, machte den Autoren mittels Gegenüberstellung die Aufnahme leichter.

Studentischer Gesang ist neben dem Tragen der Farben und dem Pflegen gewisser Rituale immer noch ein Kerngut der studentischen Gemeinschaften, das preiszugeben einer Aufgabe eigener Identität gleichkäme. Der Verband legt freilich das Liedgut für seine Mitgliedsverbindungen nicht fest, wie das gelegentlich erwartet wird. Er bietet nur eine Summe, aus der gewählt werden mag. Diese Auswahl ist und bleibt Sache der Korporation und damit ein Maßstab ihres Anspruchs und ihres Geschmacks.

„Nicht bloß geben, auch berühren“

„Nicht bloß geben, auch berühren“

Adventliche Überlegungen zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit von Kbr. Dr. Gregor Jansen v. Phoebus (SOP), Kartellseelsorger.

Im Adventlied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ (GL 218) heißt es in der zweiten Strophe: „Er ist gerecht, ein Helfer wert. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit; all uns’re Not zum End er bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt. Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat“.

Am 8. Dezember, dem 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils, beginnt mit der feierlichen Öffnung der Heiligen Pforte im Petersdom das von Papst Franziskus ausgerufene „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“. Der Begriff „Barmherzigkeit“ kommt in unsrem alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr allzu häufig vor. In Wien denkt man am ehesten noch an das „Haus der Barmherzigkeit“, also an die Pflegekrankenhäuser, Pflege- und Behindertenhäuser, die es in Wien und Niederösterreich an unterschiedlichen Standorten gibt. Ansonsten ist von Barmherzigkeit nur selten die Rede. Vielleicht auch, weil dem Begriff immer etwas vom mitleidigen „Almosen geben“ denen, die erbarmungswürdig oder gar „erbärmlich“ sind, anhaftet. Hier kommt ein klares Gefälle vom Gebenden zum Empfangenden zum (sprachlichen) Ausdruck. Wir sprechen daher eher von sozialer Gerechtigkeit oder Entwicklungszusammenarbeit. All diese Aspekte gehören natürlich zur Barmherzigkeit dazu, aber machen sie noch nicht wirklich aus.

Laut Kardinal Walter Kasper sind Mitleid und Gerechtigkeit Voraussetzung der Barmherzigkeit, aber noch nicht deren Vollendung: „Es bedeutet auf jeden Fall mehr als reines Mitleid. Wir sollen nicht kalt sein gegenüber anderen Menschen. Aber zur Barmherzigkeit gehört ein aktives Element: dass man sich für etwas einsetzt. Die Gerechtigkeit ist das Minimalmaß, wie man sich verhalten muss gegenüber anderen. Die Barmherzigkeit ist das Maximum.“ (Interview in „Die Zeit“ Ausgabe 51/2013)

Barmherzigkeit ist somit vor allem eine Haltung bzw. mit Thomas von Aquin eine Tugend, ja sogar „die größte der Tugenden. Denn es gehört zum Erbarmen, dass es sich auf die anderen ergießt und – was mehr ist – der Schwäche der anderen aufhilft; und das gerade ist Sache des Höherstehenden. Deshalb wird das Erbarmen gerade Gott als Wesensmerkmal zuerkannt; und es heißt, dass darin am meisten seine Allmacht offenbar wird“ (Summa Theologiae II-II, q. 30, a. 4). Zunächst einmal ist also Gott barmherzig. So sehen es auch andere große Religionen, etwa der Islam, der Gott die Titel „Allerbarmer“ bzw. „Allbarmherziger“ (Ar-Rahman bzw. Ar-Rahim) und die Gläubigen zur Barmherzigkeit aufruft: „Diejenigen, die nicht barmherzig sind, werden keine Barmherzigkeit erlangen.“
Barmherzigkeit bedeutet dabei, dem Schwachen aufzuhelfen, den Kleinen groß werden zu lassen, das vorhin angesprochenen Gefälle zu beseitigen, den Empfangenden als Subjekt anzunehmen und ihn nicht nur als Objekt meiner Wohltätigkeit zu „verwenden“.

In der kirchlichen Tradition kennen wir die sieben „leiblichen Werke“ der Barmherzigkeit: Hungrige speisen, Dürstenden zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke und Gefangene besuchen, Tote begraben. Dazu kommen sieben „geistliche Werke“ der Barmherzigkeit: die Unwissenden lehren, den Zweifelnden recht raten, die Betrübten trösten, die Sünder zurechtweisen, die Lästigen geduldig ertragen, denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen und für die Lebenden und die Toten beten.
Kardinal Walter Kasper führt dazu aus:  Barmherzigkeit „soll eine menschliche Grundhaltung werden. Dass wir Augen haben füreinander und nicht egozentrisch sind, ist auch eine Sache der Erziehung. Dazu gehören Herzensbildung, Selbstkritik, Nachdenklichkeit. Unsere individualistische Gesellschaft glaubt, es ginge darum, sich durchzusetzen. Es geht aber darum, diejenigen wahrzunehmen, die sich eben nicht durchsetzen können. Wer je bei den ganz Armen war, kehrt als anderer nach Hause zurück. Viele mögen sich dem nicht aussetzen, weil es unsere Lebensweise infrage stellt.“

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke hat vorgeschlagen, wie wir heute die Werke der Barmherzigkeit interpretieren und als Herausforderung annehmen können:
„Einem Menschen sagen: Du gehörst dazu, ich höre dir zu, ich rede gut über dich, ich gehe ein Stück mit dir, ich teile mit dir, ich besuche dich, ich bete für dich.“ Hier wird deutlich, dass es um den Aufbau einer Beziehung zum Gegenüber geht, der eben nicht mehr als Opfer wahrgenommen wird, dem zu helfen ist, sondern mit dem wir unser Leben zu teilen beginnen.

Schließlich ist „Barmherzigkeit“ eines der Schlüsselworte im Pontifikat von Papst Franziskus: „Jesu Beziehungen zu den Menschen, die ihn umgeben, sind einzigartig und unwiederholbar. Seine Zeichen, gerade gegenüber den Sündern, Armen, Ausgestoßenen, Kranken und Leidenden, sind ein Lehrstück der Barmherzigkeit.“ Und ganz deutlich sagt er, worum es ihm geht: „nicht bloß geben, auch berühren“.

Zusammenfassend könnten wir sagen: Barmherzigkeit als christliche Grundhaltung verändert natürlich die sozialen Dimensionen der Welt, indem sie Ungerechtigkeit zu überwinden sucht und Armen hilft, aber sie verändert vor allem meine Beziehungen zu den Menschen und damit mich selbst, wenn ich bereit bin, mich berühren zu lassen.

Religionsunterricht abschaffen?!

Religionsunterricht abschaffen?!

Von Bbr. wHR i.R. Dipl.Ing. Friedrich Birkner v. Dr.cer. Stamperl.

Nach einem Vortrag zum Thema „Politik und Kirche“ wurde bei der Diskussion mehr oder minder nebenbei erwähnt, dass über den Religionsunterricht und den Ethikunterricht angeblich eine neue Gesetzesvorlage vorbereitet werde. Diese Vorlage sieht vor, dass der Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend werden soll und man sich von ihm im Gegensatz zum Religionsunterricht nicht abmelden kann. Der Religionsunterricht soll zwar parallel weitergeführt werden, jedoch hätte dann jede Schülerin bzw. jeder Schüler die Möglichkeit, sich davon abzumelden. Das würde bedeuten, dass dann immer weniger Schülerinnen und Schüler den Religionsunterricht besuchen werden, da er ja als zusätzliche Stunde zum Ethikunterricht geführt würde. Wenn eine Mindestanzahl von teilnehmenden Schülerinnen und Schülern nicht erreicht werden sollte, würde der Religionsunterricht ersatzlos gestrichen. Denkt man daran, dass heute in manchen Bezirken bereits in den Volksschulen die katholischen Kinder die Minderheit sind, kann man sich leicht ausrechnen, wie lang es dauern wird, bis es an den Schulen gar keinen Religionsunterricht mehr geben wird.

Weiters ist in diesem Gesetzesentwurf enthalten, dass Religionslehrerinnen und -lehrer den Gegenstand Ethik nicht unterrichten dürfen. Ich frage mich, welche Art und in welcher Form würde Ethik gelehrt werden, wenn nur die Philosophie zu Wort kommt? Es wird zwar mit dieser Regelung das Konkordat nicht direkt angegriffen oder gar außer Kraft gesetzt, aber jedenfalls mehr oder weniger elegant umgangen, denn, wenn es keine Nachfrage mehr gibt, könnte man Religion als Unterrichtsfach leicht und leider auch bedenkenlos streichen. Kurz gefasst dazu, was im Konkordat bezüglich der Regelung des Religionsunterrichts steht: Der Staat bezahlt die Personalkosten, die Kirche bestimmt die Personen, die unterrichten dürfen. Der Staat bezahlt auch die Personalkosten für katholische Privatschulen. Könnte die Umsetzung der Gesetzesvorlage möglicherweise zur Aushebelung des zwischen Vatikan und der Republik Österreich bilateralen Vertrags, eben des Konkordats, führen?

Wir alle kennen die landläufigen Argumente, der Religionsunterricht sei schlecht, die Religionslehrerinnen und -lehrer nicht imstande, den Schülerinnen und Schülern etwas beizubringen und den Unterricht interessant zu gestalten usw. Das können aber allesamt keine Argumente sein, sich dem Wunsch der Linken und leider auch anderer „neuer“ Parteien anzuschließen und den Religionsunterricht generell zu streichen. Die Angriffe auf die Kirchen, nicht nur auf die römisch-katholische Kirche, ebenso auf alle anderen christlichen Kirchen sind sehr diffizil. Es beginnt ja schon im Kindergarten, dass das Martinsfest zum „Ganslessenfest“ wird, der Nikolo nicht mehr kommen darf, weil sich die Kinder vor ihm fürchten könnten, statt dem Christkind der Weihnachtsmann die Geschenke bringt, Ostern zur Urlaubszeit und zum lustigen Eiersuchen verkommt. Ja sogar die Kreuze sollen unter dem Vorwand aus den Klassenzimmern verschwinden, dass man Andersgläubige nicht brüskieren will und darf. Man vergisst aber dabei ganz, dass das Christentum für unser Land und für Europa die kulturelle, geschichtliche und in vielen wesentlichen Bereichen auch die rechtliche Grundlage des Zusammenlebens der Menschen darstellt.

Scheinbar lassen wir es einfach geschehen – selbst manche unserer Bundes- Kartell- und Cartellbrüder unterstützen neuerdings bei den Wahlen Parteien, die diesen antichristlichen Weg unterstützen. Manche katholische Couleurstudenten sind sogar Mandatare oder stehen (noch?) auf Wahllisten für diverse legislative Organe in diesen Parteien und werben um unsere Vorzugsstimmen. Für mich ist das in keiner Weise nachvollziehbar, wenn ich an den von mir geleisteten Burscheneid denke und ihn ernst nehme. Wo ist unser Bekenntnis zum Prinzip Religio? Der MKV hat mit einem Kartellratsbeschluss auf einem Pennälertag festgelegt, dass der MKV für den Fortbestand des Religionsunterrichtes eintritt und verlangt, dass jene Schülerinnen und Schüler, die sich vom Religionsunterricht abgemeldet haben, verpflichtend einen Ethikunterricht besuchen müssen. In der Gesetzesvorlage sieht das ganz anders aus. Doch darf dieser Beschluss des MKV-Kartellrates (siehe dazu https://www.mkv.at/?sys=website&seite=11&detailnews=52) nicht nur ein in einem Ordner abgelegtes Papier und schon gar nicht lediglich eine rein alibihafte Bekundung sein. Es handelt sich dabei um einen fundamentalen Beschluss gemäß unserem Prinzip „Religio“ und jeder MKVer ist verpflichtet, ihm zur Umsetzung zu verhelfen.