Der Idiot bleibt männlich!

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Der Idiot bleibt männlich!

Wie der Gender-Wahnsinn neue Blüten treibt. Von Klaus Fürst

Nachdem vor einem Jahr an der Leipziger Universität beschlossen wurde, in der Grundordnung nur noch die weibliche Bezeichnung zu führen und auch Männer mit „Herr Professorin“ anzureden, legt Berlin jetzt mit schwerem Geschütz nach. Lann Hornscheidt ist Professorin für Gender Studies und Sprachanalyse am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität. Nach ihrer Erfahrung fühlten sich Studierende häufig diskriminiert, wenn sie mit „Herr“ oder „Frau“ angesprochen würden. Das ist schon erstaunlich: sind Studierende so völlig andere Menschen? Mir ist jedenfalls in meinem immerhin sechs Jahrzehnte währenden Leben noch niemand begegnet, der sich wegen dieser Anrede diskriminiert fühlte. Aber man rückt sich halt die Wirklichkeit so zurecht, wie sie ins eigene Bild passt, um dann mit einem ganz tollen Vorschlag zu kommen.

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Statt männlicher und weiblicher sollte eine geschlechtsneutrale Form durch Anhängen des Buchstaben x gebildet werden: Studentx, Mitarbeiterx usw. Sie selbst praktiziert es bereits und lässt sich statt „Frau Professorin“ mit „Professx“ (sprich: Professix) anreden. Das x soll auch gleichzeitig den Artikel bilden; der Satz „Der Lehrer unterrichtete die Schüler“ hieße dann also „X Lehrerx unterrichtete x Schülerxs“. Da bekommt doch die alte Floskel „Ein Satz mit X“ eine ganz neue Dimension!

Alexander Kissler betrachtet die Lage aus dem Futur2, dass nämlich die Geschichtsschreibung resümieren wird, „noch weit vor der Mitte des 21. Jahrhunderts hätten Bundesrat und Bundestag vor der Welle des Gelächters kapituliert, das vom Rest der Welt über Deutschland hereinbrach.“ Ihm schwant jedoch, dass es auch anders kommen kann:

Spätestens aber, wenn die globale Rezession ihr Haupt erhebt und die Armen der Erde auch in Deutschland stranden werden, wird sich diese Operation am offenen Herzen der Vernunft als das entpuppen, was sie heute schon ist: eine Luxusbeschäftigung für verwöhnte, anderweitig unausgelastete Akademiker.

Dafür spricht, dass sich die verschiedenen Wellen der Frauenbewegung immer in wirtschaftlichen Glanzzeiten abspielten: in der Belle Époque, den Goldenen Zwanzigern und im Überfluss der siebziger Jahre. Im Unterschied zu heute ging es aber damals um wirkliche Emanzipationsbestrebungen und nicht um institutionalisierte Selbstdarstellung.

Nun könnte man all das als akademische Spinnerei abtun, wenn uns nicht die Entwicklung des Gender-Dogmatismus in den letzten Jahren klar gemacht hätte, dass man es nicht auf die leichte Schulter nehmen darf. So wie die Verwendung der /innen-Form in der öffentlichen Sprache ein unerträgliches Ausmaß erreicht hat, könnten auch die Vorschläge von Professx Hornscheidt Wirklichkeit werden, wenn sie nur mit dem nötigen Fanatismus betrieben werden. Eine vernünftige Debatte ist nicht möglich, und gegen die herkömmlichen Argumente, dass das generische Maskulinum eine kulturelle Tradition ist, haben die Gender-Wissenschaftler (mithilfe nicht unerheblicher Steuergelder) längst Abwehrtheorien entwickelt.

Ihnen geht es längst nicht mehr um Gleichberechtigung, es geht um Verteidigung von Pfründen. Man hat sich eingerichtet in den Gender-Maistreaming-Projekten, die der Steuerzahler mit Unsummen alimentiert und deren Zahl niemand wirklich anzugeben weiß. Dort zu bestehen, erfordert sich zu produzieren – und das gelingt am besten, wenn man mit extremen Positionen aufwartet. Deshalb wird nichts Geringeres gefordert als die Aufhebung der Geschlechter, die endgültige Denaturierung des Menschen, letztendlich: alles zu beseitigen, was das Gesellschaftsmitglied als ein biologisches Wesen auszeichnet.

Frauen, Radfahrerinnen, Emanzipation, Binnen-I, Gleichberechtigung, Verkehr, Verkehrszeichen, Einbahn Foto: Clemens FabryWarum gibt es keinen Aufschrei, keinen breiten Widerstand gegen diesen Irrsinn? Schauen wir uns die Protagonisten einer möglichen Gegenbewegung im Einzelnen an. Da wären zunächst die Politiker. Von ihnen können wir wenig erwarten; sie sind fürchterlich heuchlerisch bei der Verwendung gendergerechter Terminologie, vor allem wenn es darum geht, sozial Benachteiligte anzusprechen. Besonders Gregor Gysi, der seine brillante Rhetorik in peinlicher Weise damit verhunzt, macht regelmäßig feine Unterschiede: Er benennt sehr gern die Arbeitnehmerinnen, Rentnerinnen, Hartz IV-Empfängerinnen, Leiharbeiterinnen. Nie hört man ihn jedoch von Bankerinnen, Millionärinnen, Spekulantinnen oder Lobbyistinnen reden – da bleibt er stets im Maskulinum. So inkonsequent verhalten sich letztlich alle Gender-Aktivisten: der Idiot bleibt männlich.

Als zweiten Machtfaktor hätten wir die Wirtschaft. Aber warum sollte die sich in eine Gegenbewegung einbringen und ihren Einfluss auf die Meinungsbildung geltend machen? Schließlich lassen sich Frauen, die all ihrer natürlichen Rollen enthoben sind, viel besser in den Prozess der Wertschöpfung integrieren. Endlich wäre Schluss mit der ewigen Diskussion um Gleichstellung, Quoten, Familienfreundlichkeit.

Die Dritten in einem potentiellen Lager der Vernunft wären die im öffentlichen Leben stehenden Vertreter unterschiedlichster Körperschaften. Doch, wie die Erfahrung zeigt, lassen sie sich viel zu leicht in die Defensive drängen. Beispiele dafür gibt es genug. So hält es die Stadt Osnabrück für nötig, auf ihrer Website Folgendes zu erklären:

Warum ist die Anrede im städtischen Auftritt männlich?

Die Stadt Osnabrück begrüßt und fördert die Gleichstellung beider Geschlechter. Aus langer sprachlicher Tradition hat sich allerdings in der deutschen Sprache die männliche Anrede herauskristallisiert. Um den Lesefluss nicht zu erschweren, hat sich die Online-Redaktion der Stadt entschlossen, die in den Medien übliche Anrede zu verwenden. So werden Sie in der Regel keinen Text finden wie „Die BesucherInnen aus Osnabrücks Partnerstadt…“ oder „Die Besucher/-innen aus Osnabrücks Partnerstadt…“. Stattdessen schreiben wir meist wie folgt: „Die Besucher aus Osnabrücks Partnerstadt…“. Diese Redeweise stellt keine Diskriminierung dar.

Immerhin ist das eine vernünftige Position, aber es macht doch deutlich, wohin wir schon gekommen sind: dass zumindest die im öffentlichen Leben stehenden Personen sich rechtfertigen müssen für ein Stück Normalität. Kein Politiker könnte sich erlauben, die geschlechterkorrekte Sprache als Unsinn zu bezeichnen, nicht etwa, weil er damit Stimmen verlieren würde, nein, er hätte ja eine riesige Mehrheit hinter sich; es ist die pure Angst vor dem Stress, sich mit den Fanatikern auseinanderzusetzen.

Im Falle Leipzig war es ähnlich. Der Vorschlag, ausschließlich die weibliche Form zu benutzen, kam laut Spiegel online von Prof. Josef Käs. Als Mitglied des Senats der Universität war er die zeitraubende Debatte zu diesem Thema einfach leid, so dass er die Flucht nach vorn antrat. Hier drängt sich das Sprichwort auf von dem Klügeren, der nachgibt. Und auch die moderne Erweiterung: deshalb regieren die Dummen.

Ein weiteres Beispiel: die wikmedia foundation zeigt sich besorgt, dass nur 12 % der Wikipedia-Mitarbeiter weiblich sind. Und fühlt sich gezwungen, daran etwas zu ändern, weil es deswegen permanent Attacken gibt. Wie von dem Berliner Sprachwissenschaftler Prof. Anatol Stefanowitsch, der bei Wikipedia ein Frauenproblem erkennt. Nach tiefschürfenden Betrachtungen kommt er zu folgendem bemerkenswerten Ergebnis.

Dass die Wikipedia gar kein Frauenproblem hat, sondern ein Männerproblem (nämlich: dass unter den männlichen Editoren zu viele sind, die ein Problem mit Frauen oder wenigstens kein Problem mit einer Abwesenheit von Frauen haben).

Warum antwortet wikimedia foundation nicht einfach: Es gibt überhaupt kein Problem. Da jeder Mensch, unabhängig von seinem Geschlecht, die gleichen Möglichkeiten hat, sich bei Wikipedia zu betätigen, wird es wohl daran liegen, dass der Wunsch danach bei Frauen weniger ausgeprägt ist, so wie es eben auch weniger weibliche Jäger, Feuerwehrleute oder Schachspieler gibt. Aber mit solchen einfachen Antworten fordert man ja die Dogmatiker geradezu heraus, ihr theoretisches Füllhorn über einen zu ergießen. Also zeigt man lieber Einsicht und suggeriert Bereitschaft zur Abhilfe.

Fazit: Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Institutionen winken ab, wenn es um Widerstand gegen Gender-Totalitarismus geht. Bleibt wieder einmal die letzte Hoffnung auf die Zivilgesellschaft gerichtet. Auf jeden Einzelnen, der die Wahl hat, diesen Irrsinn mitzumachen oder sich ihm zu verweigern. Die den Mut haben zu sagen, dass die vom Gender-Mainstreaming entworfenen Gesellschaftsbilder irreal sind, dass es nicht Dekadenzerscheinungen wie „Germany’s next Topmodel“ sind, die diese Gesellschaft ausmachen, sondern Frauen und Männer, die ihren täglichen kleinen Kampf um Job und Familie ausfechten und am Ende stolz sind, wenn sie ihn wenigstens ein Stück weit bestanden haben. Den wahren Mainstream eben – Menschen, die gern sind, was sie sind: Frau oder Mann.

Wenn man Sie bedrängt, weil Sie als Autor oder Redner auf dem generischen Maskulinum bestehen, dann antworten Sie doch wie Dagmar Lorenz, die schon 1991 schrieb:

Die engagiertesten Vertreterinnen der traditionellen Frauenbewegung wandten sich einst gegen die Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft, indem sie die gleichberechtigte Teilhabe der Frauen an sämtlichen Bereichen der überlieferten Kultur und Zivilisation forderten. Gleiche Bildungschancen, die Koedukation von Jungen und Mädchen, die gleichberechtigte Berufsausübung zusammen mit männlichen Kollegen – all dies sind längst selbstverständliche Bestandteile unserer gesellschaftlichen Realität. Die noch bis in unser Jahrhundert übliche Trennung der Geschlechter in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens ging stets einher mit einer formalen und faktischen Benachteiligung der Frau. Der Befürwortung einer sprachlichen Apartheidregelung, einer sprachlichen Trennung der Geschlechter, haftet demnach etwas Anachronistisches an. Sie taugt nicht für unsere Zeit. „Sie ist unser bester Ingenieur“ – mit diesen Worten charakterisierte neulich ein mir bekannter Techniker seine Arbeitskollegin. Solche Anerkennung lässt nichts zu wünschen übrig!

Der Berliner Kurier meint: „Sprache kennt keine Fesseln. Jeder kann sie benutzen wie er möchte, solange man ihn nur versteht.“ Dem kann man sich durchaus anschließen, solange er/sie nicht verlangt, dass andere ebenso sprechen. Und das gilt für Jedex!