Sprachpolizei

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Sprachpolizei

Von AH Peter Wagner v. Diogenes.

Sicher erinnern sich einige der an Jahren schon etwas älteren Leserinnen und Leser an den 1994 verstorbenen Karl Hirschbold (geboren übrigens im Gründungsjahr unserer Ostaricia), der im Österreichischen Rundfunk – zunächst bei der RAVAG* und danach auch noch beim ORF – die Sendung „Achtung Sprachpolizei“ präsentierte. In nahezu 500 Sendungen nahm er viele kleine Ausrutscher und grobe Schnitzer verschiedener Herkunft humorvoll „auf die Schaufel“ und versuchte so, seine Hörer für die deutsche Sprache sowie für die richtige Grammatik und Ausdrucksweise zu sensibilisieren. Wie wir heute wissen, hat das vor allem unter professionellen Schreibern und Verfassern von diversen Texten ebenso keinerlei nachhaltige Wirkung gezeigt, wie bei allen Arten von Rednern.

Mit Sicherheit bin ich kein ausgewiesener Experte für fehlerfreies Formulieren, doch fielen und fallen mir immer wieder sprachliche Entgleisungen auf, die seinerzeit in einem Schulaufsatz zumeist mit der gnadenlosen roten Wellenlinie versehen, wenn nicht als schwerwiegender Fehler deklariert worden wären. Ob das heute auch noch so gehandhabt würde? Na, lassen wir das, ein gewisses Maß an Liberalisierung im Bereich Sprache sei nachgesehen. Doch wenn es zu arg wird, beginnen sich bei mir die Nackenhaare aufzustellen.

Sozusagen „on the job“ bemühe ich mich beim Verfassen von Beiträgen für den Altherrenbrief seit nunmehr fast zwei Jahren möglichst fehlerfrei zu bleiben. Da helfen wir uns in der Redaktion mit einer Art „Kreuz-und-Quer-Korrekturlesen“, dennoch taucht doch immer wieder ein überlesener Flüchtigkeitsfehler auf, wofür ich an dieser Stelle alle Leser um Nachsicht ersuche.

Da fiel mir doch vor einiger Zeit ein Kommentar auf, in dem sich Prof.  Dr. Antal Festetics mit sprachlichen Irrungen und Wirrungen moderner Art befasst. Diesen Beitrag will ich ungekürzt hier wiedergeben, muss aber dazu anmerken, dass ich nicht unbedingt alle seiner Ansichten teile, jedoch zum überwiegenden Teil seiner Meinung bin. Bitte, fasst das als möglichen Anlass auf, ein bisschen über die Logik im Formulieren nachzudenken und ein Niveau der Sprache zu halten oder zu erreichen, das uns als kultiviert darstellt.

Passt übrigens auch ganz gut zum Thema „Bildung“, mit deren Reförmchen sich unsere Bundesregierung ja zuletzt kein Denkmal gesetzt hat, was nebenbei bemerkt sein darf. Zurück zum Festetics-Text: Denn wer seiner Muttersprache nicht mächtig ist, wer nicht klar, eindeutig und unmissverständlich sowohl schriftlich als auch mündlich zu formulieren imstande ist, dem fehlt ein großes Stück an Bildung. An dieser Stelle seien die Sprachdefizite von Menschen mit Migrationshintergrund ausgeklammert, doch auch bei diesen wäre anzusetzen, um ein Mindestmaß an klarerer Ausdrucksweise zu erreichen. Leider fehlt es heute in der Gesellschaft an allen Ecken und Enden und die Jugend gleitet leider allzu oft in künstliche Sprachgebilde ab, die für die allgemeine Kommunikation unbrauchbar sind.

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Hier also nun der Text von Prof. Festetics:

Sprechen oder quatschen?

Verkehrsnachrichten: Vorsicht! Auf der Autobahnstrecke Hannover – Burgdorf liegen „Gegenstände“. Das regt meine Fantasie an: Sind es Kugelschreiber oder Küchenschränke? Etwas später: Auf der Autobahn laufen „Tiere“ herum. Das weckt meine Neugier: Krötenzüge oder eine Kuhherde? Sie sollen mir offenbar eine Überraschung bereiten. Dann wird es echt komisch: Vor Lüneburg ist ein Lastwagen „liegen“ geblieben. Dachte bisher, das können nur Zwei- und Vierbeiner. Ein Auto ist stehen- oder notfalls steckengeblieben, sagten wir früher. Es folgen im Radio politische Nachrichten über „ergebnisoffene“ Verhandlungen der Koalitionspartner. Ja was denn! Nicht ergebnisoffen hieße doch nur Scheinverhandlungen zu führen, oder? Danach die Pressekonferenz mit „internationalen“ Journalisten, zu Deutsch mit „zwischenvölkischen“ Reportern! Bisher waren es ausländische (englische, italienische, französische etc.) Medienleute. Aber ausländische klingt heute so obskur. Mir fällt dazu Peter Wehles köstliches Wörterbuch „Sprechen Sie ausländisch?“ ein.

Staatsmannschaft

Ein Wort zum Sport: Unsere „National“-Mannschaften sind das Gegenteil von national. Sie erinnern an die Fremdenlegion. Der Staat kauft sich Fußballer und Trainer aus verschiedensten Ländern wie Rennpferde oder Rennwagen. Da wäre Staatsmannschaft die bessere Bezeichnung.

Die wohl seltsamste Blüte eines vorauseilenden Gehorsams im Sprachamerikanismus unserer Zeit ist fürs Mobiltelefon das neudeutsche Wort „Handy“. Es ist im „nichtdeutschen“ Ausland unbekannt, soll aber offenbar so klingen, als ob wir es von dort übernommen hätten.

Sprachgeblödel

Im Gegensatz zu diesem Neo-Quatsch hat euphemistische Verklärung bereits Tradition.

Der mit Atomraketen schwer beladene Kampfjet über einer „Problemzone“ erfüllt ein „robustes“ Mandat und wer bei uns Kormorane abknallen will, stellt einen Antrag an die Landesregierung auf „letale Vergrämung“ dieser Vögel. Das Gegenteil von „Bio“-Bauer wäre sprachlogisch der tote Bauer und von „Bio“-Kartoffel die tote Kartoffel. Der Quatsch von „Öko“-Benzin bis „Öko“-Sarg ist ein weiteres Beispiel für neuzeitliche Begriffsverfälschung. In Österreich sagt man Bundesminister „für“ Finanzen, in Deutschland korrekterweise „der“ Finanzen wie dieser zu Kaisers Zeiten auch in Österreich so hieß. Komisch klingt schließlich der Professor „für“ Haut- und Geschlechtskrankheiten, denn er sollte ja eigentlich dagegen sein.

Oder die Schweizer Bundesanstalt „für“ Schnee und Lawinen. Für Schnee freut sich der Wintertourismus, aber für Lawinen? Begriffsanwendungen sollten einigermaßen durchdacht sein, auch und gerade in einer Zeit, in der alles „stressig“ oder „spaßig“ zu sein hat, soll heißen, zum oberflächlichen Sprachgeblödel verkommt.

* Die RAVAG (Radio Verkehrs AG) war die erste österreichische Rundfunkgesellschaft. Sie wurde im Februar 1924 gegründet, nahm im Oktober 1924 mit Radio Wien den offiziellen Sendebetrieb auf und bestand bis zur Gründung des ORF im Jahr 1958.